20.03.2011, 09:34 Uhr
Der verzweifelte Kampf gegen eine atomare Katastrophe in Japan geht in die entscheidende Phase. Mit Notstromleitungen soll am Sonntag das Kühlsystem eines schwer beschädigten Reaktors im Atomkraftwerk Fukushima wieder angeworfen werden. Rund eine Woche nach dem Erdbeben und den Störfällen im Atomkraftwerk tauchten erste radioaktiv verstrahlte Lebensmittel auf. Zudem wurden im Trinkwasser der Hauptstadt Tokio Spuren von Radioaktivität nachgewiesen. Die Regierung warnte außerdem vor verseuchtem Regen.
Angesichts erwarteter Regenfälle mit einer möglichen Belastung durch radioaktive Partikel hat die japanische Atomenergiekommission die Bevölkerung der Krisenregion aufgerufen, in ihren Häusern zu bleiben. Das teilte das Büro des Ministerpräsidenten mit. Im Nordosten des Landes werden für Sonntag und Montag Niederschläge erwartet. Nach Angaben der Behörde besteht keine Gesundheitsgefahr, selbst wenn Menschen dem Regen ausgesetzt seien. Dennoch wurde die Bevölkerung aufgerufen, nur in Notfällen bei Regen das Haus zu verlassen und Haare und Haut zu bedecken.
In Fukushima kämpften Techniker, Feuerwehrleute und Soldaten weiter gegen die nukleare Katastrophe. Mit allen Mitteln versuchten sie, die Reaktoren des havarierten AKW zu kühlen, um Kernschmelzen zu verhindern. Mindestens sechs Arbeiter bekamen dabei zu viel radioaktive Strahlung ab, wie der Kraftwerksbetreiber Tepco mitteilte.
Positive Signale kamen indes von der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA in Wien. Der Eintritt der schlimmstmöglichsten Katastrophe in Fukushima wird nach IAEA-Einschätzung mit jedem Tag unwahrscheinlicher. "Die Dinge entwickeln sich in die richtige Richtung", sagte der IAEA-Experte Graham Andrew. Man könne die Wiederherstellung der Stromzufuhr zu den Reaktoren und die Bemühungen um die Kühlung beobachten. Damit reduziere sich das Risiko in Fukushima Tag für Tag. Auch nach Einschätzung eines anderen Strahlenexperten trat zuletzt wohl keine massive Radioaktivität mehr aus den Reaktoren aus.
Ständig aktuell: Das wetter.info-Video zeigt den möglichen Niederschlag, der Radioaktivität auf das Festland oder ins Meer tragen könnte, rund um Fukushima. zum Video
Am Sonntag soll zunächst Reaktor 2 wieder an die Stromversorgung angeschlossen werden, wie die japanische Nachrichtenagentur Kyodo berichtete. Techniker hatten Stromkabel zu den Meilern 1 und 2 gelegt. Mit dem Strom soll das Kühlsystem des Reaktors wieder in Gang gesetzt werden, das normalerweise eine Überhitzung der Kernbrennstäbe verhindert. Ob die Pumpen und Leitungen nach den gewaltigen Explosionen an mehreren Stellen im AKW noch funktionieren, ist allerdings völlig unklar.
Auch die japanische Regierung verkündete positive Botschaften zur Lage im Atomkraftwerk und den am meisten gefährdeten Reaktoren 3 und 4. Am Reaktor 3 habe sich die Situation stabilisiert, sagte Regierungssprecher Yukio Edano. Die Kühlung von außen durch Wasserwerfer zeige Wirkung. In dem Reaktorbecken gebe es mehr Wasser. Reaktor 3 ist der einzige Block, der über so genannte Mischoxid-Brennelemente (MOX) mit hochgiftigem Plutonium verfügt.
In die Dächer der Reaktoren 5 und 6, in denen ältere Brennstäbe lagern, wurden Löcher gebohrt, durch die Wasserstoff entweichen kann, ohne dass er explodiert. Die Kühlbecken dort wurden mit Notstrom aus Dieselgeneratoren des Reaktors 6 gekühlt.
Das japanische Gesundheitsministerium prüfte einen Verkaufsstopp von Lebensmitteln aus der Präfektur Fukushima. Milch, Spinat und Trinkwasser aus der Umgebung des defekten Kernkraftwerks sind stark radioaktiv. Leicht radioaktives Wasser ist sogar im 240 Kilometer entfernten Tokio nachweisbar.
Die japanische Küstenwache hat dieses Video der beiden Riesenwellen veröffentlicht. Die Besatzung des Schiffs kam mit dem Schrecken davon. zum Video
Der Boden im Umkreis von 30 Kilometern um den Reaktor herum sei kontaminiert, sagte der Leiter des Instituts für Strahlenbiologie im Helmholtz-Zentrum München, Professor Michael Atkinson. "Doch die Aktivität des Radiojodids im Bodens scheint abzuklingen. Das ist ein Hinweis darauf, dass im Moment nichts aus dem Reaktor mehr austritt."
Die Suche nach den Opfern des Tsunamis ging unterdessen weiter. Nach Polizeiangaben wurden seit der Katastrophe 7320 Leichen geborgenen. 11.370 Menschen würden noch vermisst. Weil es zu wenig Krematorien gibt, wird in den Unglücksprovinzen nach Medienberichten überlegt, die Toten zu beerdigen. Das ist in Japan nicht üblich, weil es fast nur Feuerbestattungen gibt. Der Bau von Baracken für die Überlebenden begann vielerorts mit Problemen. Weil Benzin und Diesel knapp seien, konnte Baumaterial nicht geliefert werden, berichtete die Agentur Kyodo.
Ständig aktuell: Das wetter.info-Video zeigt, wie sich radioaktive Partikel - sofern vorhanden - über den Wind verteilen könnten. zum Video
Quelle: dpa
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