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Atomkatastrophe in Japan: Radioaktive Strahlen erreichen Tokio

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Radioaktive Strahlen erreichen Tokio

22.03.2011, 21:43 Uhr

Strahlentest: In Tokio wurden erhöhte Werte gemessen (Foto: AP)

Strahlentest: In Tokio wurden erhöhte Werte gemessen (Foto: AP)

Aus dem Katastrophen-Atomkraftwerk Fukushima 1 tritt massiv Strahlung aus - nur welcher der sechs Reaktoren nun die größten Sorgen bereitet, will oder kann niemand sagen. In Tokio wuchs die Belastung innerhalb eines Tages um das Zehnfache, das Trinkwasser, Lebensmittel und das Meerwasser in der Nähe des AKW weisen überhöhte radioaktive Belastung auf. Nachdem am Morgen über Reaktor 2 und 3 erneut Qualm aufgestiegen war, befürchtet die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) nun auch noch, dass in Block 1 ein Leck ist.

In Tokio wurde laut "Spiegel Online" ein starker Anstieg der Strahlungswerte gemessen. Im Bezirk Shinjuku im Zentrum seien 5300 Becquerel durch Cäsium-137 und 32.000 Becquerel durch Jod-131 erfasst worden. Das sei zehnmal so viel wie am Vortag, hieß es.

Erhöhte Strahlung außerhalb der Evakuierungszone

Um das 400-fache erhöhte Strahlenwerte wurden rund 40 Kilometer nordwestlich des Katastrophenreaktors gemessen. Das teilte das japanische Wissenschaftsministerium mit. Bereits am Montag seien im Boden, in fünf Zentimetern Tiefe, stark erhöhte Cäsium- und Jodwerte festgestellt worden.

Die Belastung mit dem krebserregenden Isotop Jod-131 liege 430-mal über dem Wert, der normalerweise im Boden gemessen wird, erklärte Keigo Endo von der Gunma Universität. Der Wert lag bei 43.000 Becquerel pro Kilogramm Boden. Die Belastung mit Cäsium-137 lag mit 4700 Becquerel um das 47-fache über dem Normalwert.

Nachrichten
Rauchentwicklung soll untersucht werden

Atomkatastrophe in Japan: Aus zwei Reaktoren in Fukushima ist weißer und grauer Qualm aufgestiegen. zum Video

Der Ort, an dem diese Werte gemessen wurden, liegt 20 Kilometer außerhalb der Evakuierungszone. Endo erklärte, die Strahlenbelastung überschreite die erlaubte Jahreshöchstdosis um das Vierfache, eine akute Gesundheitsgefährdung bestehe derzeit jedoch nicht.

Meerwasser stark verstrahlt

In unmittelbarer Nähe des Atommeilers stellte Tepco eine stark erhöhte Konzentration radioaktiver Substanzen im Meerwasser fest. Hundert Meter südlich vom AKW lag die Belastung mit Jod 131 und Cäsium 134 knapp 127-fach beziehungsweise knapp 25-fach über dem gesetzlichen Grenzwert. Nach Angaben von Tepco besteht keine Gefährdung für die Gesundheit. Das Gesundheitsministerium wies dennoch die Präfekturen Chiba und Ibaraki nordöstlich von Tokio an, die Kontrollen von Meeresprodukten zu verstärken.

Und auch in immer mehr Lebensmittel entdecken japanische Behörden radioaktive Partikel. In der Präfektur Fukushima wurden bei Brokkoli die gesetzlichen Grenzwerte überschritten, in der angrenzenden Region Ibaraki bei Rohmilch. Dies teilte das japanische Gesundheitsministerium mit. Seit Tagen mehren sich die Berichte über eine radioaktive Belastung von Blattgemüse, Milch und Trinkwasser im Umkreis des vom Mega-Beben beschädigten Kernkraftwerks Fukushima.

IAEA besorgt über mögliches Leck in Reaktor 1

Die IAEA ist zudem wegen eines möglichen Lecks im Fukushima-Reaktor 1 besorgt. Außerhalb der Anlage gebe es weiterhin hohe Strahlungsswerte, teilte die IAEA mit. Man habe bisher nicht herausfinden können, ob der Sicherheitsbehälter des Reaktors beschädigt sei. Insgesamt verbessere sich die Lage in dem havarierten AKW weiter, auch wenn sie noch immer "sehr ernst" sei, sagte IAEA-Experte Graham Andrew.

"Es ist nicht immer so, dass keine Nachrichten gute Nachrichten bedeuten", sagte IAEA-Experte James Lyons. Seine Behörde habe vor rund sieben Tagen das letzte Mal Informationen von japanischen Behörden über den Zustand von Reaktor 1 erhalten. "Wir sehen, dass von der Anlage ständig Strahlung ausgeht. Und die Frage ist, wo genau das herkommt", sagte Lyons.

Video
Niederschlag in Japan

Ständig aktuell: Das wetter.info-Video zeigt den möglichen Niederschlag, der Radioaktivität auf das Festland oder ins Meer tragen könnte, rund um Fukushima. zum Video

Die IAEA will klären, ob die Strahlung von beschädigten Sicherheitsbehältern um den Reaktorkern oder von überhitzten Abklingbecken für gebrauchte Brennstäbe stammt. Bisher hatte die UN-Behörde in Wien eine leichte Beschädigung des Sicherheitsbehälters von Reaktor 2 vermutet. Über den Zustand von Reaktor 3 gibt es seit längerem keine Informationen mehr, ebenso wenig wie über Reaktor 1. Es werde vermutet, dass die Japaner selbst nichts über die Lage im Reaktor 1 wüssten, hieß es bei der IAEA.

Alle Reaktoren am Stromnetz

Am Morgen war allerdings wieder Rauch oder Dampf über Reaktorblock 2 aufgestiegen.Der japanischen Atomsicherheitsbehörde NISA zufolge bewegt sich dort die Temperatur in einem Abklingbecken um den Siedepunkt. In mindestens zwei Reaktoren liegen die Brennstäbe derzeit zu großen Teilen frei.

Video
Windverteilung AKW Japan

Ständig aktuell: Das wetter.info-Video zeigt, wie sich radioaktive Partikel - sofern vorhanden - über den Wind verteilen könnten. zum Video

Erstmals wurde zur Bewässerung der überhitzten Reaktoren ein deutsches Spezialfahrzeug eingesetzt, wie die Betreiberfirma Tepco mitteilte. Der deutsche Lastwagen der Firma Putzmeister wurde benutzt, um im Abklingbecken für gebrauchte Brennstäbe in Reaktor 4 Wasser nachzufüllen. Das Fahrzeug verfügt über einen 58 Meter langen Teleskop-Arm, mit dem normalerweise Beton in große Höhen gepumpt wird.

Laut Betreiber gelang es am Dienstag zumindest, alle sechs Reaktoren wieder mit dem Stromnetz zu verbinden - ein wichtiger Schritt, um die Kontrolle über die Anlage wiederzuerlangen. Bevor der Strom jedoch wieder angestellt werde, müssten die Pumpen und andere Geräte in den Reaktoren überprüft werden, teilte Tepco mit.

Foto-Serie: Satellitenbilder von Japan
6 Bilder von 8

Mehr als 9000 Leichen geborgen

In den von Erdbeben und Tsunami verwüsteten Gebieten des japanischen Nordostens sind bis Dienstag mehr als 9000 Leichen geborgen und identifiziert worden. Das teilte die japanische Polizei mit. Es wird befürchtet, dass sich diese Zahl bis zum Abschluss der Bergungsarbeiten verdoppeln wird. Den Angaben der Nationalen Polizeibehörde zufolge wurden seit der Katastrophe vom 11. März 9079 Tote geborgen. 12.645 Menschen werden vermisst. Viele Leichen werden wohl nie gefunden werden.


Quelle: t-online.de , dpa , dapd , AFP

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