20.03.2011, 12:32 Uhr
Nach einem vorübergehenden, starken Druckanstieg in Reaktor 3 des havarierten Atomkraftwerks Fukushima in Japan hat sich die Lage nach Angaben der Betreiberfirma wieder stabilisiert. Von Plänen, zur Druckentlastung etwas radioaktives Gas abzulassen, rückte das Energieunternehmen Tepco deshalb wieder ab. Der Druck sei zwar noch relativ hoch, habe sich aber stabilisiert. Auch die Lage in den Reaktoren 2 und 6 hat sich offenbar stabilisiert. Entwarnung kann allerdings noch nicht gegeben werden.
Bei einem Ablassen von radioaktivem Gas würden die Strahlungswerte rund um die Anlage wieder ansteigen. Dafür bestehe keine unmittelbare Notwendigkeit mehr, erklärte Tepco. Die in Block 3 eingesetzten Brennelemente sind besonders gefährlich, weil es sich dabei um Plutonium-Uran-Mischoxide handelt.
Unterdessen meldete die Nachrichtenagentur Kyodo, dass Rettungskräfte Meerwasser in das Abklingbecken von Reaktor 2 gepumpt haben. Zuvor war der Reaktor an das Notstromnetz angeschlossen worden, um die Pumpen zur Wasserkühlung mit Strom zu versorgen. In Reaktor 2 hatte es schwere Explosionen und Brände gegeben. Die innere Hülle des Reaktors ist beschädigt, Radioaktivität trat aus. Auch Reaktorblock 6 ist mittlerweile in einer stabilen Lage, meldete Kyodo. Bei einem sogenannten "cold shutdown" funktioniert die Kühlung des abgeschalteten Atommeilers wieder. Die Temperatur des Kühlwassers liegt dort nun unter 100 Grad Celsius und ist damit so niedrig, dass keine Gefahr mehr droht. Die Stromversorgung für die zentralen Kontrollräume des Reaktorblocks 1 soll noch heute wieder hergestellt werden.
Am Morgen hatte die Atomaufsichtsbehörde NISA zunächst einen Rückschlag im Kampf gegen die Atomkatastrophe gemeldet, da der Druck in Block 3 unerwartet wieder angestiegen war. Möglicherweise hätten die Bemühungen, den Reaktor mit Wasser zu kühlen, nichts bewirkt, hieß es.
Ständig aktuell: Das wetter.info-Video zeigt den möglichen Niederschlag, der Radioaktivität auf das Festland oder ins Meer tragen könnte, rund um Fukushima. zum Video
Japanische Regierungsvertreter wie auch die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) berichteten, der Zustand scheine sich stabilisiert zu haben, sei aber immer noch unberechenbar. Es habe Fortschritte gegeben, doch für Entwarnung sei es noch zu früh. "Das Risiko verringert sich von Tag zu Tag", so ein Sprecher. Die Dinge liefen in die richtige Richtung. Dennoch könne immer noch etwas Unerwartetes geschehen.
In einem 13-stündigen Einsatz hatte ein Feuerwehrfahrzeug mit Hochdruck tonnenweise Wasser direkt aus dem Meer auf Block 3 gepumpt. Am Sonntag begannen Rettungstrupps, den Reaktorblock 4 mit Wasser zu beschießen und hoffen, so eine Notstromversorgung anschließen zu können. Zudem wurden Löcher in die Dächer der Blocks 5 und 6 geschlagen, um aufgestauten Wasserstoff entweichen zu lassen. Die Temperatur im Lagerbecken von Block 5 sei nach der Zufuhr von frischem Wasser gesunken, berichtete die Betreiberfirma Tepco.
Radioaktive Strahlung - ab welcher Dosis wird es gefährlich? (Grafik: dpa)Die Zahl der Arbeiter an dem Unglücks-AKW wurde derweil auf 500 verstärkt. Die Strahlendosis, bis zu der sie arbeiten dürfen, wurde von 100 auf 250 Millisievert erhöht. Sechs Arbeiter waren bereits mehr als 100 Millisievert ausgesetzt, berichtete Tepco. Unterdessen kündigte die japanische Regierung an, die beschädigten Kernkraftwerke möglicherweise dauerhaft vom Netz zu nehmen. Experten nannten eine Wiederinbetriebnahme unmöglich, da das zur Kühlung eingesetzte aggressive Meerwasser zu irreparablen Schäden an den Anlagen geführt habe.
Bei Milch und Spinat in Japan wurden einem Regierungssprecher zufolge erneut stark verstrahlte Produkte registriert. Das meldete die Nachrichtenagentur Kyodo. Diese Lebensmittel seien aber nicht in den Verkauf gekommen, hieß es weiter. Die Regierung wolle am Montag entscheiden, ob sie eine Verordnung zu Agrarprodukten, die in der Nähe von Atomkraftwerken angebaut wurden, erlasse. Bereits am Samstag hatte die Regierung mitgeteilt, dass Spinat und Milch aus der vom Atomunfall betroffenen japanischen Provinz Fukushima verstrahlt seien. In Taiwan wurden radioaktiv belastete Bohnen aus Japan gefunden. Auch im Leitungswasser in Tokio und anderen Städten wurden leicht erhöhte Werte gemessen. Regierungsvertreter beteuerten aber, dass die Belastung unbedenklich sei.
Die japanische Küstenwache hat dieses Video der beiden Riesenwellen veröffentlicht. Die Besatzung des Schiffs kam mit dem Schrecken davon. zum Video
Ein Beamter der Reaktorsicherheitsbehörde räumte indes ein, dass schon viel früher Jodtabletten an die Anwohner des AKW hätten ausgegeben werden müssen und nicht erst drei Tage nach der ersten Explosion in Block 3. "Wie haben eine Katastrophe diesen Ausmaßes nicht vorausgesehen", sagte er. "Wir müssen zugeben, dass wir nicht umfassend vorbereitet waren."
Über eine Woche nach dem verheerenden Erdbeben und Tsunami hat die offizielle Zahl der Toten und Vermissten inzwischen 20.000 überschritten. Nach jüngsten Angaben sind offiziellen Angaben zufolge mehr als 8133 Menschen gestorben, über 12.000 werden noch vermisst. Rund 425.000 Frauen, Männer und Kinder leben in Notunterkünften. Am Sonntag konnten Rettungskräfte eine 80 Jahre alte Frau und einen 16-Jährigen lebend aus den Trümmern der zerstörten Stadt Ishinomaki retten, teilte die Polizei mit. Die beiden litten an Unterkühlung und seien mit einem Hubschrauber in ein Krankenhaus gebracht worden.
Ständig aktuell: Das wetter.info-Video zeigt, wie sich radioaktive Partikel - sofern vorhanden - über den Wind verteilen könnten. zum Video
Um die Stromversorgung Tokios zu verbessern, will Tepco versuchen, bis in einer Woche ein Gaskraftwerk wieder in Gang zu bekommen. Nach dem Beben wurden elf der 54 japanischen Atommeiler abgeschaltet. Einschließlich der Schäden an konventionellen Kraftwerken hat das Land schätzungsweise zehn bis 40 Prozent seiner Kapazität zumindest vorübergehend eingebüßt.
Quelle: dpa , dapd
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