23.03.2011, 06:41 Uhr
Das Atomkraftwerk von Fukushima nach dem Tsunami vom Meer aus gesehen: Die 14-Meter-Welle, die die Anlage traf, war doppelt so hoch wie kalkuliert (Foto: Reuters)
Der Tsunami, der weite Teile der japanischen Ostküste verwüstete, hat die beiden Atomkraftwerke in Fukushima mit einer 14 Meter hohen Flutwelle getroffen. Das sei mehr als doppelt so hoch wie Experten bei der Planung der Anlagen in den 1960er Jahren erwartet hatten. Das berichtete der Fernsehsender NHK unter Berufung auf den Kraftwerksbetreiber Tepco.
Die Anlage Fukushima 1 sei für einen Tsunami von maximal 5,70 Metern Höhe ausgelegt worden, Fukushima 2 für eine Höhe von 5,20 Metern, so Tepco. Die Gebäude mit den Reaktoren und Turbinen wurden zehn bis 13 Meter über den Meeresspiegel errichtet, berichtete NHK. Bei der Katastrophe wurden sie teilweise überschwemmt. Tepco hatte bereits offengelegt, dass die Kraftwerke nur für ein Beben der Stärke 8,0 bis 8,3 ausgelegt worden waren. Das Erdbeben hatte aber die Stärke 9.
Unterdessen müssen die Einsatzkräfte am havarierten Atomkraftwerk Fukushima 1 in Japan wieder vermehrt mit Rückschlägen kämpfen. Dienstagmorgen (Nacht in Europa) stiegen erneut Rauch und Dampf von den Reaktorblöcken 2 und 3 auf. Die japanische Regierung spricht von einer "äußerst angespannten" Lage. Weil die regulären Kühlsysteme noch immer nicht in Gang gebracht wurden, werden die Reaktorblöcke weiterhin von außen gekühlt, inzwischen aber auch wieder mit Strom versorgt. Vor der Küste ist die Strahlenbelastung des Meerwassers angestiegen.
Wasserdampf und Rauch über defekten Reaktorblöcken, und die Umwelt wird immer mehr verstrahlt: Die Lage im Atomkraftwerk Fukushima bleibt "äußerst angespannt", wie der japanische Industrieminister Banri Kaieda erklärte. "Es ist nach meinem Gefühl schwierig, von Fortschritten zu sprechen", fügte der Minister nach einer Meldung der Nachrichtenagentur Kyodo hinzu, der auch für die Atomaufsicht zuständig ist.
Atomkatastrophe in Japan: Aus zwei Reaktoren in Fukushima ist weißer und grauer Qualm aufgestiegen. zum Video
Fortgesetzte Hitzeentwicklung erschwert die Bemühungen, das stark zerstörte Atomkraftwerk Fukushima I unter Kontrolle zu bringen. Über Reaktorblock 3 stieg am Montag und auch am Dienstag Rauch auf - nach Angaben des japanischen Verteidigungsministers Toshimi Kitazawa möglicherweise ein Hinweis auf brennende Trümmerteile oder Öl. Bei dem weißem Dampf über Block 2 handle es sich hingegen um erhitztes Wasser.
Die Einsatzkräfte und Arbeiter wurden deswegen am Montagabend in Sicherheit gebracht, um sie nicht noch stärker zu gefährden. Unterdessen teilte die japanische Atomaufsicht mit, dass mittlerweile alle sechs Reaktoren des AKW Fukushima 1 wieder an die Stromversorgung angeschlossen sind. Als letzte wurde demzufolge eine Leitung zu den Reaktoren 3 und 4 gelegt. Die übrigen vier Reaktoren waren bereits zuvor an die Stromversorgung angeschlossen, allerdings wurden bislang nur die Reaktoren 5 und 6 mit Strom versorgt. Zunächst müssten die Anlagen geprüft werden, bevor die Stromzufuhr freigegeben werden könne, sagte ein Sprecher der Behörde.
wetter.info aktuell: So entwickelt sich das Wetter rund um das AKW Fukushima in den kommenden Tagen. zum Video
Ingenieure versuchten seit Tagen, die Reaktoren wieder komplett an das Stromnetz anzuschließen, um die Kühlsysteme wieder in Gang zu setzen. Feuerwehrleute und Soldaten sprühten tonnenweise Wasser auf die überhitzten Reaktoren, um so die Brennstäbe zu kühlen und eine atomare Katastrophe zu verhindern. Nach Angaben der japanischen Atombehörde soll im Laufe des Dienstags über das weitere Vorgehen bei der Kühlung entschieden werden.
Die Reaktorblöcke sollen in den nächsten Tagen erneut mit Wasser besprüht werden, um eine Überhitzung zu verhindern. Aufgrund der Nachwärme in den Reaktoren verdampfe das bisher zugeführte Wasser, so dass eine Fortsetzung des Einsatzes von Pumpen und Wasserwerfern erforderlich sei, sagte der NISA-Sprecher. Vor allem die Reaktorblöcke 3 und 4 sollen wieder mit Wasser besprüht werden.
Bei den Kühlversuchen wird auch eine Betonpumpe aus Deutschland eingesetzt. Die Pumpe sprühe Wasser auf den Reaktor 4 der Anlage, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo. Das Spezialgerät sowie zwei dazugehörige Fahrzeuge seien in Deutschland gebaut worden. Die Pumpe habe einen rund 50 Meter langen Arm, durch den sie flüssigen Beton oder Wasser leiten könne. Die Fahrzeuge seien von einer Baufirma in der Präfektur Mie südwestlich von Tokio bereitgestellt worden. Ein ähnliches Modell war bereits beim Atomunglück in Tschernobyl in der Ukraine vor rund 25 Jahren eingesetzt worden.
Unterdessen wurde eine starke radioaktive Belastung des Meerwassers festgestellt. Bei Jod-131 sei ein Wert gemessen worden, der das gesetzliche Maximum um den Faktor 126,7 übersteige, berichtete der Fernsehsender NHK am Dienstag. Bei Cäsium-134 sei die Verstrahlung 24,8 Mal, bei Cäsium-137 16,5 Mal so hoch wie zulässig. Nach Auswertung der Probe von einem Standort 100 Meter südlich des havarierten Kraftwerks kündigte die Betreibergesellschaft Tepco weitere Tests vor der Ostküste der japanischen Hauptinsel Honshu an.
Ständig aktuell: Das wetter.info-Video zeigt den möglichen Niederschlag, der Radioaktivität auf das Festland oder ins Meer tragen könnte, rund um Fukushima. zum Video
"Wir betrachten das nicht als eine externe Bedrohung", sagte der NISA-Sprecher unter Hinweis auf die Evakuierungszone im Umkreis von 20 Kilometern rund um das Kraftwerk Fukushima I. Eine Ausweitung der Zone sei bislang nicht geplant, sagte Regierungssprecher Yukio Edano. Es sei noch zu früh, die Auswirkungen der Verstrahlung auf Meereslebewesen zu beurteilen.
Bei dem verheerenden Erdbeben und Tsunami am 11. März haben die Behörden inzwischen mehr als 9000 Todesopfer gezählt. Die Zahl der Vermissten liegt in sechs Präfekturen bei mehr als 12.500. Fast 320.000 Menschen sind in Notunterkünften untergebracht.
Ständig aktuell: Das wetter.info-Video zeigt, wie sich radioaktive Partikel - sofern vorhanden - über den Wind verteilen könnten. zum Video
Die Börse präsentierte sich unterdessen nach einem steilen Kursrutsch in der vergangenen Woche deutlich erholt. Der japanische Nikkei-Index kletterte am Dienstag bis zum frühen Nachmittag um rund 4,0 Prozent auf einen Stand von über 9560 Punkten. Die Wirtschaftszeitung "Nikkei" führte dies darauf zurück, dass sich die Sorge um eine mögliche Atomkatastrophe abgeschwächt habe. Wegen eines Feiertags am Montag war die Börse drei Tage lang geschlossen. Die japanische Notenbank setzte unterdessen ihre Interventionen zur Unterstützung der Banken-Liquidität fort. Am Dienstag wurden zwei Billionen Yen (17 Milliarden Euro) in den Geldmarkt gepumpt. An den vergangenen sechs Geschäftstagen wurden den Kreditinstituten insgesamt rund 40 Billionen Yen (347 Milliarden Euro) zur kurzfristigen Geldbeschaffung bereitgestellt.
Quelle: dpa , dapd , AFP
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