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Atacama-Wüste in Chile: Geologen lösen Rätsel der polierten Felsen

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Geologen lösen Rätsel der polierten Felsen

14.10.2011, 10:31 Uhr | Von Axel Bojanowski

Polierte Steine in der Wüste - ein geologisches Rätsel, dem Forscher jetzt auf die Spur kamen (Quelle: GSA / University of Arizona / Jay Quade)

Polierte Steine in der Wüste - ein geologisches Rätsel, dem Forscher jetzt auf die Spur kamen (Quelle: GSA / University of Arizona / Jay Quade)

Ein erstaunliches Phänomen in der Atacama-Wüste in Chile begeistert Wissenschaftler: Dort liegen Felsbrocken, die blankgeschliffen sind. Dabei fließt in der Einöde kein Wasser - was die glatten Oberflächen erklären würde. Bei einem Picknick kamen Geologen der Ursache nun zufällig auf die Spur.

Die Sensation in der Atacama-Wüste wurde lange übersehen. Achtlos fahren Touristen an den Felsbrocken vorbei, die zu Abertausenden über den kargen Boden verstreut liegen, als hätte ein Riese sie dort hingeworfen. Auch der Geologe Jay Quade von der University of Arizona, der die Atacama immer wieder durchquert hat, ahnte nichts von dem Geheimnis, das die Steine umwehte. Seinem knurrenden Magen ist es aber nun zu verdanken, dass das Rätsel gelöst wurde: Erdbeben polieren die Steine - auf erstaunliche Weise.

Vom Hunger geplagt, stoppten Quade und seine Kollegen unlängst ihren Wagen für eine Rast. Während des Picknicks hätten sie ihre erste kuriose Entdeckung gemacht, berichten die Forscher nun auf der Jahrestagung der Amerikanischen Geologischen Gesellschaft GSA in Boulder im US-Bundesstaat Colorado: Die Felsen waren an ihren Seiten glattpoliert; weißliche Flächen überzogen den Stein. Wie, fragten sich die Geologen, war das möglich? Mitten in der Wüste gab es schließlich kein fließendes Wassers, das die Steine geglättet haben könnte.

Vergrößert wurde das Rätsel noch durch das Alter der Felsen: Seit etwa zwei Millionen Jahren liegen die meisten von ihnen bereits auf der Ebene. Das beweise ein dunkler Belag aus Manganoxid - sogenannter Wüstenlack -, der die Steine an ihren unpolierten Stellen überziehe, sagen Jay Quade und seine Kollegen Peter Reiners und Kendra Murray. "Trotz dieses Alters sind die Steine frisch geschliffen", staunt Quade.

Ohrenbetäubendes Klackern

Erst jetzt, bei einer weiteren Tour der Forscher durch die Atacama-Wüste, half ein Zufall bei der Lösung des Mysteriums: "Als wir bei den Steinen rasteten, bebte plötzlich die Erde", berichten die Geologen auf der Tagung in Boulder. Und auf einmal wurden die Wissenschaftler Zeugen eines erstaunlichen Ereignisses: "Ein ohrenbetäubendes Klackern wie von Tausenden Hämmern setze ein", erzählt Quade - die Felsen vibrierten. "Es war erstaunlich", berichtet der Geologe, "das Erdbeben zeigte uns, wie die Steine poliert werden." Das Beben der Stärke 5,3 - es dauerte etwa eine Minute - ließ die Steine gegeneinander stoßen, sie scheuerten sich gegenseitig die Seiten blank.

Quade wurde von dem Beben seinem Bericht zufolge in ungünstiger Lage erwischt: Auf einem Fels stehend, hielt er einen Vortrag für seine Kollegen. "Der Stein unter mir begann zu wackeln, er knallte gegen seinen Nachbarstein", erzählt der Geologe. Gleich nachdem er das Ruckeln balancierend überstanden hatte, begann er zu rechnen: Waren die Beben wirklich die entscheidende Kraft?

"Wie auf einem Bahnsteig"

Laut Statistik wird die Atacama-Wüste alle vier Monate von einem Beben der Stärke fünf oder mehr erschüttert. Gemessen an der Zeit von rund zwei Millionen Jahren, die die Felsbrocken auf dem Boden liegen, hätten die Felsen 50.000 bis 100.000 Stunden Polierung hinter sich, resümiert Jay Quade in Boulder. Die Zeit reiche aus, um die Oberflächen der Steine blankzuschrubben.

Die ganze Geschichte der polierten Steine geht demnach wie folgt: In den letzten Jahrmillionen rollten Gesteinsbrocken von den Hügeln der Atacama zu Tal - vermutlich haben dabei ebenfalls Erdbeben nachgeholfen, meinen die Forscher. Die Steine sammelten sich zu Tausenden auf der Ebene. Bald lagen sie "Schulter an Schulter - wie Wartende auf einem vollen Bahnsteig", sagt Quade. "Doch hier kam keine Eisenbahn - sondern Erdbeben."

Die Entdeckung zeige, dass Erdbeben eine große Rolle bei der Verwitterung spielen können, erläuterten die Geologen in ihrem Vortrag auf der GSA-Tagung. Es bedürfe also keiner Niederschläge wie Regen und es erfordere weder Wind noch Kälte oder Flüsse, um eine Landschaft zu erodieren. Das regelmäßige Zittern der Erde sei eine bislang unterschätzte Kraft der Verwitterung - auf Planeten ohne Atmosphäre und Wasser wie dem Mars könnte sie Landschaften entscheidend prägen. So geben die bislang wenig beachteten Steine aus der Atacama-Wüste sogar Einblick in das Leben fremder Welten.


Quelle: Spiegel Online

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