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"Deutschland ist sozial zerrissen"
20.05.2009, 09:24 Uhr
Die Gefahr, zu verarmen, ist in Deutschland regional sehr unterschiedlich verteilt (Foto: Paritätischer Gesamtverband)
Die ärmsten Regionen in Deutschland sind Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Das geht aus dem erstmals veröffentlichten Armutsatlas des Paritätischen Gesamtverbands hervor. Als arm gilt, wem weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung stehen. Ein Single gilt zum Beispiel als arm, wenn er über weniger als 764 Euro verfügt (siehe Tabelle unten). Verbands-Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider stellte den Atlas am Montag in Berlin vor.
Der Auswertung (Stand: 2007) zufolge liegen die Armutsquoten in Ostdeutschland - wo die Arbeitslosigkeit ohnehin am höchsten ist - deutlich über jenen im Westen: In den Ost-Bundesländern zwischen 17,5 Prozent in Berlin und Brandenburg und 24,3 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern. Die wenigsten Armen leben im Süden Deutschlands: In Baden-Württemberg und Bayern beträgt die Armutsgefährdungsquote im Durchschnitt zehn und elf Prozent. Im Bundesdurchschnitt liegt sie bei 14,3 Prozent. Bundesweite Durchschnittsquoten hätten zu lange den Blick auf die regionalen Realitäten versperrt. Nun zeige sich zudem, dass auch die gängige Unterscheidung zwischen Ost- und Westdeutschland zu kurz greife, so Schneider.
Animierte GrafikArmut in Deutschland
Kritik an Konjunkturpaket
Die Region Schwarzwald-Baar-Heuberg steht mit einer Armutsgefährdungsquote von 7,4 Prozent bundesweit am besten da: Für Schneider zeigt die Auswertung, dass "Deutschland sozial zerrissen ist". Von einheitlichen Lebensverhältnissen könne keine Rede sein. Um Armut wirkungsvoll bekämpfen zu können, dürften Fördermittel wie bei der Abwrackprämie "nicht mit der Gießkanne verteilt" werden. „Wenn wir nicht sofort und massiv gegensteuern, wird die Verödung ganzer Landstriche nicht mehr aufzuhalten sein“, warnte Schneider. Der Verband kritisierte in diesem Zusammenhang das Konjunkturpaket II. Ein Großteil der zehn Milliarden Euro Bundesmittel für Bildung und kommunale Infrastruktur flössen nach Angabe des Verbands in die Bundesländer, die am wenigsten von Armut bedroht seien. Schneider forderte zudem, den Hartz-IV-Regelsatz von derzeit 351 auf 440 Euro zu erhöhen.
Dreiteilung der Lebensbedingungen
Besonders deutlich treten die Unterschiede zwischen Ost und West hervor: Während in den neuen Ländern (einschließlich Berlin) 19,5 Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet waren, lag die Quote im früheren Bundesgebiet (ohne Berlin) mit 12,9 Prozent deutlich niedriger. Die Armutsgefährdungsquote war im Osten in nahezu allen Altersgruppen höher als im Westen. Lediglich die Altersgruppe der ab 65-Jährigen wies mit 9,3 Prozent im Osten eine geringere Quote auf als im Westen mit 11,9 Prozent. Während die Quote der weiblichen Personen im Westen etwas höher lag als bei den männlichen Personen, waren im Osten keine geschlechtsspezifischen Differenzen festzustellen. Der Wohlfahrtsverband will sich aber nicht mit einer reinen Gegenüberstellung von Ost und West begnügen: "Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall ist Deutschland nicht länger zwei- sondern mindestens dreigeteilt und im Hinblick auf die Armutsbetroffenheit zerrissener als je zuvor", sagte Schneider. Man müsse von einer Dreiteilung ausgehen, um die sich stark unterscheidenden Lebensbedingungen innerhalb Westdeutschlands erfassen zu können. So unterscheide er zwischen einem süddeutschen, einem nordwest- und einem ostdeutschen Raum.
OECD-StudieRelative Armut in Deutschland stark gestiegen
Hartz IV-Empfänger "Geld reicht hinten und vorne nicht"
ArmutAlleinerziehende leiden unter größtem Armutsrisiko
Höchstes Armutsrisiko für Erwerbslose in Sachsen-Anhalt
Besonders von Armut bedroht waren in Deutschland demnach Erwerbslose sowie Alleinerziehende und deren Kinder. In Baden-Württemberg lag die sogenannte Armutsgefährdungsquote bei Erwerbslosen mit 40,3 Prozent am niedrigsten, während sie in Sachsen-Anhalt bei 66,0 Prozent lag. Für Alleinerziehende und ihre Kinder war das Armutsrisiko im Vergleich der Bundesländer am Niedrigsten in Berlin (28,6 Prozent) und Hamburg (29,6 Prozent). Die höchste Quote wies Sachsen-Anhalt mit 53,7 Prozent auf.
Auch im Westen gibt es Arme
Es sei allerdings ein Trugschluss, dass die Menschen in den westlichen und südlichen Bundesländern weitestgehend von Armut verschont seien, betonte Schneider. Als Beispiel führte er Niedersachsen an: Landesweit sei die Armutsquote durchschnittlich; sie variiere jedoch stark von Region zu Region. So kämpfe in Ostfriesland wie in Ostdeutschland jeder Fünfte mit Armut, während Geldsorgen in der Südheide nur jeden Achten plagten. Auch Bayern, das die bundesweit zweitniedrigste Armutsquote hat, kenne Problemregionen wie Oberfranken-Ost oder Würzburg mit bis zu 15 Prozent Armen.
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Berechnung aufgrund von Mikrozensus
Der Paritätische Gesamtverband beruft sich bei den Zahlen auf Erhebungen des Statistischen Bundesamtes und der Statistischen Landesämter. Diese hatten anhand des Mikrozensus für 2007 erstmals im Rahmen des Projekts "Sozialberichterstattung der amtlichen Statistik" die Erhebung durchgeführt. Der Mikrozensus ist die größte jährliche Haushaltsbefragung in Europa; er bietet aufgrund seiner Stichprobengröße die Möglichkeit, für alle Bundesländer verlässliche Indikatoren zu berechnen.
Unterschiedliche Daten je nach Richtwert
Das Statistische Bundesamt nahm in einer zusätzlichen Berechnung allerdings das regionale mittlere Einkommen als Richtgröße. Auf diese Weise fielen die ostdeutschen Armutsquoten wesentlich geringer aus. Bei den aus dieser regionalen Perspektive ermittelten Armutsgefährdungsquoten wiesen im Jahr 2007 Hamburg (16,8 Prozent) und Bremen (15,2 Prozent) die höchsten, Thüringen (12,9 Prozent) und Baden-Württemberg (13,0 Prozent) die niedrigsten Werte auf. Der Wohlfahrtsverband kritisierte diese Ergebnisse als "realitätsfern".
Armutsgrenzen nach Haushaltstypen in Euro
Haushaltstypen | Armutsgrenze in Euro |
Single | 764 Euro |
Alleinerziehende - mit 1 Kind | 994 Euro |
Alleinerziehende - mit 2 Kindern | 1223 Euro
|
Paar ohne Kind | 1376 Euro |
Paar mit - 1 Kind | 1605 Euro |
Paar mit - 2 Kindern | 1835 Euro
|
Paar mit - 3 Kindern | 2064 Euro |
Quelle: "Armutsatlas" des Paritätischen Gesamtverbandes / Statistisches Bundesamt (Zahlen von 2007).
Quelle: dpa
, dapd
, AFP
, t-online.de
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