Schwarzer Mann im Weißen Haus: Für manchen Amerikaner noch immer kein normaler Anblick (Foto: dpa)Am 20 Januar 2009 hatten in den USA Schwarze wie Weiße Tränen in den Augen: Da stand ein Afro-Amerikaner auf den Stufen des von Sklaven erbauten Kapitols, um seinen Amtseid abzulegen. "Der Amerikanische Bürgerkrieg ist nun endgültig vorbei", jubelten viele, als Barack Obama, Sohn eines Kenianers und einer Weißen aus Kansas, als erster schwarzer Präsident der USA ins Weiße Haus einzog. Nach seinem ersten Amtsjahr sind sich viele einig: Die Amerikaner gehen offener mit dem Thema Rassen um als je zuvor, doch gegessen ist es noch lange nicht. Auch mit Worten wie "Change" und "Hope" sind die sozialen Aussichten für Schwarze nach wie vor trüber als für Weiße. Und rassistische Übergriffe mehren sich sogar.
"Nur weil wir einen schwarzen Präsidenten gewählt haben, heißt das nicht, dass wir jetzt alle anders miteinander umgehen", sagt Calvin, ein Bauarbeiter auf einem Gerüst im Schatten des Kapitols. Es gebe immer noch viele, die gegen Obama seien - eben weil er schwarz ist. Und dennoch gebe seine Wahl vielen Schwarzen ein neues Selbstbewusstsein: "Jetzt weiß jedes schwarze Kind: Du kannst der nächste US-Präsident werden."
"Auch mit einem Afro-Amerikaner im höchsten Amt des Landes sind zweimal so viele Schwarze wie Weiße arbeitslos", klagt die Bürgerrechts-Organisation National Urban League. Ein halbes Jahrhundert nach Beginn der Bürgerrechtsbewegung leben noch immer dreimal so viel Afro-Amerikaner in Armut wie Weiße. Selbst wenn sie einen Job haben, verdienen sie im Schnitt deutlich weniger. Die Mehrheit der Schwarzen hat schlechtere Schulabschlüsse, sie besetzen gerade einmal drei Prozent der Top-Positionen in Wirtschaft und Politik. Afro-Amerikaner stellen dagegen zwar nur 13 Prozent der US-Bevölkerung - doch dafür fast die Hälfte aller Gefängnisinsassen.
"Der Trend ist positiv"
Trotzdem: "Das alles darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der allgemeine Trend positiv ist", meint Mark Potok, Leiter des Southern Poverty Law Centers in Alabama. "Mit jeder neuen Generation werden weitere Schranken abgebaut." Doch Potok räumt auch ein: "Der schwarze Präsident im Weißen Haus macht auch vielen Angst und erzeugt eine Gegenbewegung."
Weiße Gegenbewegung
Viele konservative Amerikaner fürchteten um die Stellung der Weißen in der Gesellschaft. "Obama will die Waffengesetze verschärfen und gleichzeitig das Einwanderungsrecht reformieren", sagt Potok. Statistiken, nach denen bereits im Jahr 2050 weniger als die Hälfte der Amerikaner weiß sein werden, heizten diese Identitätskrise und damit rassistische Tendenzen an: "Wir haben seit dem Wahlkampf einen regelrechten Rückschlag erlitten." Er könne die Fälle nicht zählen, berichtet Potok, doch klar sei: "Die Übergriffe gegen Schwarze nehmen zu."
Viele Alarmsignale
In den Augen des Menschenrechtlers gibt es viele Alarmsignale: Drittklässler, die mit ihrem Schulbus durch den ländlich-konservativen Kartoffelstaat Idaho fahren, dabei "Tötet ihn" skandieren und den US-Präsidenten meinen; brennende Obama-Puppen; Morddrohungen und Berichte, nach denen sich radikale Amerikaner bis an die Zähne bewaffneten. "Nicht nur die Zahl der Morddrohungen gegen Obama, auch die gegen andere Amerikaner mit schwarzer Hautfarbe hat deutlich zugenommen", weiß Potok.
"Ohne negroide Sprachfärbung"
Ein Friedensrichter aus dem Südstaat Louisiana, der sich selbst als keinesfalls rassistisch einschätzt, weigerte sich jüngst, ein gemischtrassiges Paar zu trauen. Den Kindern solcher Eltern, so der Mann, entstünden einfach zu viele Probleme. Außerdem sei die Scheidungsrate bei Mischehen zu groß. Bis heute hat er sich nicht dafür entschuldigt - im Gegensatz zu Obamas Parteifreund und Mehrheitsführer im Senat. Harry Reid musste den Präsidenten - in Anbetracht einer drohenden Buchveröffentlichung - für seine rassistischen Äußerungen während des Wahlkampfes um Verzeihung bitten: Obama könne Erfolg wegen seiner leicht braunen Färbung verbuchen und weil er "ohne negroide Sprachfärbung" reden könne, "es sei denn er möchte sie haben", hatte Reid gesagt und nun bereut.
Nicht dünnhäutig
Obama akzeptierte die Entschuldigung. Er hat bereits bewiesen, dass er nicht dünnhäutig ist, wenn es um farbige Trennlinien geht: "Gibt es Menschen, die mich wegen meiner Rasse nicht mögen? Ich bin mir sicher", erklärte der Präsident. Obama trat von Anfang an dafür ein, das Thema Rassismus nicht unter den Teppich zu kehren.
Menschen sollen nachdenken
Und damit sei bereits viel gewonnen, meint der Soziologe Michael Eric Dyson von der Georgetown Universität in Washington. "Lasst uns so erfolgreich mit der Rassenfrage umgehen wie wir es auf anderen Gebieten geworden sind", mahnt Dyson. Die Menschen sollten darüber nachdenken, in welchem Kontext Obama gewählt worden ist. "Was hat diese großartigen Leistung möglich gemacht und welche Barrieren halten andere davon ab, ebenso erfolgreich zu sein?"