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Amoklauf Winnenden: Trittbrettfahrer halten bundesweit die Polizei in Atem

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"Ich mach' Amoklauf morgen"

13.03.2009, 16:57 Uhr

Polizeistreife vor einer bedrohten Schule in Freiburg (Foto: dpa) Polizeistreife vor einer bedrohten Schule in Freiburg (Foto: dpa)

Zwei Tage nach dem Amoklauf von Winnenden mit 16 Toten halten Trittbrettfahrer die Polizei weiter in Atem. Nahezu stündlich gehen Drohungen ein, mehrere junge Männer wurden festgenommen, mehrere Schulen geschlossen. Der Kriminalpsychologe und Profiler Adolf Gallwitz von der Fachhochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen sagte t-online.de, viele Schüler sähen in solchen Taten eine Möglichkeit zur Rache am Schulbetrieb.

Andere versuchten damit ein "besonderes Geltungsbedürfnis" zu befriedigen, wieder andere seien psychologisch "nicht ganz unauffällig". Viele aber, so Gallwitz, hätten einfach nicht den Weitblick, die Folgen ihrer Taten abzuschätzen. "Ein großer Teil", so der Psychologe, "ist sehr einfach strukturiert, beziehungsweise einfach saublöd."

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Trittbrettfahrer sogar in Wendlingen

Derweil wurden allein in Baden-Württemberg am Freitag mindestens vier sogenannte Trittbrettfahrer festgenommen. Gegen einen 20-Jährigen aus Esslingen wurde Haftbefehl erlassen. Er hatte gestanden, am Donnerstag im Internet einen Amoklauf an einer Grund- und Hauptschule angekündigt zu haben. Ausgerechnet in Wendlingen (Kreis Esslingen), wo beim Amoklauf am Mittwoch zwei der insgesamt 16 Opfer erschossen wurden, nahm die Polizei während des Unterrichts einen 15-Jährigen fest. Er gab zu, mit roter Kreide eine Amok-Drohung auf den Hof einer Realschule geschrieben zu haben.

"Ich mach' euch alle kaputt"

In Kippenheim (Ortenaukreis) ging der Polizei ein 16 Jahre alter Jugendlicher ins Netz. Der ehemalige Schüler hatte in der Nacht zum Freitag in einem Internet-Chatroom angekündigt: "Ich mach Amoklauf morgen in Kippenheim auf die Schule - ich mach euch alle kaputt." Er besitzt nach Angaben der Polizei "ein gewisses Gewaltpotenzial" und sollte am Nachmittag dem Haftrichter vorgeführt werden.

Drohung während eines Gesprächs

Die Grund-, Haupt- und Werkrealschule Achern (Ortenaukreis) wurde am Vormittag von der Polizei abgeriegelt, nachdem ein 19-Jähriger im Gespräch mit einer Schülerin mit einem Amoklauf gedroht hatte. Der junge Mann, der die Acherner Schule selbst nicht besuchte, wurde ebenfalls festgenommen. Er hatte keine Waffen bei sich. In Ilsfeld musste eine Realschule für Stunden geschlossen werden.

Zwei Festnahmen in Nordwestdeutschland

Auch in anderen Regionen der Bundesrepublik gab es ähnliche Fälle: Ein 17-jähriger Gymnasiast wurde nach einer Amokdrohung in Ennepetal in Nordrhein-Westfalen festgenommen. In Niedersachsen nahm die Polizei einen jungen Mann aus Schneverdingen in der Lüneburger Heide fest. Der 21-Jährige hatte zuvor im Internet einen "Amoklauf an der Teichschule" angekündigt.

Mit Handschellen aus dem Klassenzimmer geführt

Der 17-Jährige in Ennepetal soll gegenüber seinen Mitschülern eine Amoktat angekündigt haben, wie die Polizei mitteilte. Er wurde am Morgen im Klassenzimmer verhaftet und in Handschellen abgeführt. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung seien chemische Substanzen und Anweisungen gefunden worden, die zum Bau eines Sprengkörpers geeignet gewesen seien.

"Werde alle töten"

Der 21-Jährige aus Schneverdingen hatte in einem Internet-Chat angekündigt: "Ich werde morgen 16 Schüler töten. Ich habe eine Waffe und werde alle töten". Der Mann habe aber keinen Zugang zu Waffen, sagte ein Polizeisprecher in Soltau. Spezialkräfte der Polizei waren gegen 05.20 Uhr in die Wohnung des Mannes eingedrungen und hatten ihn festgenommen.

Nur "Spaß" im Sinn gehabt

Als Motiv gab der 21-Jährige an, er habe sich einen Spaß machen wollen und unter dem Eindruck des Amoklaufs in Winnenden spontan während des Chattens die Drohung verfasst. Nähere Angaben zur Person des Täters machte die Polizei nicht. Man wolle ihm nicht noch zu trauriger Berühmtheit verhelfen, sagte der Sprecher weiter.

Fünf- bis sechsstellige Kosten

Gegen ihn wurde ein Strafverfahren wegen der Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten eingeleitet. In solchen Fällen droht dem Täter eine bis zu dreijährige Haftstrafe oder eine Geldstrafe. Daneben werde der 21-Jährige auch die Kosten des Einsatzes der insgesamt 40 Polizisten tragen müssen, sagte der Sprecher. Gallwitz warnte, bei Polizeieinsätzen nach Amokdrohungen könnten leicht fünf- bis sechsstellige Kosten zusammenkommen. Dazu kämen Anzeigen wegen Störung der öffentlichen Ordnung und Morddrohung.


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Kurzer Prozess in Sachsen-Anhalt

Die Justiz in Deutschland will schnell auf die Taten reagieren. In Sachsen-Anhalt fiel am Donnerstag bereits ein erstes Urteil. Hier wurde ein 22-Jähriger zu fünf Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Er hatte per Notruf einen Amoklauf an seiner Berufsschule angedroht, um wegen des Polizeieinsatzes schulfrei zu bekommen. Nur sieben Stunden später fand er sich auf der Anklagebank wieder, weil die Polizei den Anrufer schnell ermittelte und die Justiz sich zu einem beschleunigten Verfahren entschloss.

Arrest in den Osterferien

Ein weiteres Blitzurteil wurde in Remscheid gefällt: Dort hatte ein 16-jähriger Schüler mit einem Gewaltverbrechen gedroht. Am Freitag verurteilte ihn das Amtsgericht Remscheid zu zehn Tagen Dauerarrest. Der Schüler war den Angaben zufolge am Mittwoch von einem Lehrer wegen einer Beleidigung zur Rede gestellt worden. Daraufhin kündigte er an, er wolle mit einer Panzerfaust in der Schule erscheinen und dort "gegen alle kämpfen". Die Schulleitung informierte die Polizei. Nach der Festnahme des Jugendlichen wurde bei ihm ein Butterfly-Messer gefunden. Vor Gericht gestand er und wurde wegen Beleidigung, Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten und Verstoßes gegen das Waffengesetz verurteilt. Seinen Arrest soll er in den Osterferien verbüßen.

Nahezu stündlich Drohungen

Besonders am Donnerstag hatte die Polizei nicht nur in Baden-Württemberg nahezu stündlich mit neuen Amok- und Bombendrohungen zu kämpfen. In Freiburg musste eine Schule nach einer Bombendrohung geräumt werden. In Schramberg (Kreis Rottweil) wurde ein 16-Jähriger festgenommen, nachdem er einen Amoklauf an seiner Berufsschule angekündigt hatte. Weitere Drohungen gab es in Pforzheim, im Raum Stuttgart, in Reutlingen, Ulm, Metzingen und Esslingen. Alle Schulen würden verstärkt von der Polizei beobachtet. Selbst in Schweden fasste die Polizei einen 17-jährigen Trittbrettfahrer.

Bis zu 85.000 Euro für Polizeieinsatz

In Hessen warnte Landespolizeipräsident Norbert Nedela mögliche Trittbrettfahrer: Eine Polizeiaktion zur Abwehr eines Amoklaufs könne innerhalb weniger Stunden Kosten von bis zu 85.000 Euro verursachen. Hessen sei vor zwei Jahren dazu übergegangen, die Kosten eines solchen Einsatzes schonungslos einzutreiben, falls der Verursacher ermittelt werde, sagte er. Es gebe inzwischen Fälle, in denen Schüler Einsatzkosten in beträchtlicher Höhe über Monatsraten von 50 Euro abstottern müssten.

Nach Emsdetten hunderte von Drohungen

Der hessische Innenminister Volker Bouffier (CDU) sagte, allein nach dem Amoklauf von Emsdetten im Jahr 2006 habe es in Hessen 62 Fälle gegeben, in denen die Polizei eine ähnliche Tat habe befürchten müssen. In Nordrhein-Westfalen sollen es sogar an die 600 Drohungen gewesen sein.

Potenzielle Nachahmer kaum auszumachen

Kriminalpsychologe Gallwitz sagte, diese Drohungen seien typisch, nicht nur für Schulamokläufe, sondern auch beispielsweise für Produkterpressungen. Besonders fatal sei aber bei Amokläufern die "Heldenverehrung". Bereits jetzt gebe es Bilder von Tim K., die mit Musik unterlegt seien. Nur ganz wenige verehrten Amokläufer. Von diesen aber könnten einige zu Nachahmern werden.

Amokläufe kaum zu verhindern

"Diese ganz wenigen", so Gallwitz, " haben einen andere Wahrnehmung." Man könne kaum im voraus erkennen, was sich bei ihnen anbahne, so der Psychologe. Amokläufe seien daher im Prinzip kaum zu verhindern.

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