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Amoklauf Winnenden: Familie von Tim K. flüchtet an geheimen Ort

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"Sie haben ihm alles gekauft, was er wollte"

13.03.2009, 17:08 Uhr | Von Julia Jüttner, Spiegel Online

Ein Handy-Video zeigt Tim K. kurz vor seinem Tod (Foto: AP) Ein Handy-Video zeigt Tim K. kurz vor seinem Tod (Foto: AP)

Gepflegter Vorgarten, Porsche, properes Haus: Jörg und Ute K. führten ein schwäbisches Vorzeigeleben, der Amoklauf ihres Sohnes zertrümmerte das Idyll. Erschüttert nahmen die Eltern nun in der Gerichtsmedizin Abschied - und flüchteten mit ihrer Tochter an einen geheimen Ort.

Es schien ein beneidenswertes Leben, das Ute und Jörg K. aus Weiler zum Stein in ihrer schwäbischen Idylle führten, ein geordnetes Leben. So überschaubar wie der zackig abgezirkelte Vorgarten ihres Hauses. "Ist ja fast noch ein Neubau", sagen Nachbarn und blicken mit einer Mischung aus Neid und Wohlwollen auf den hellen Putz des properen Hauses.

Eltern sind fassungslos

Nach den Geschehnissen des 11. März 2009 gibt es niemanden mehr, der mit den K.s tauschen möchte. Ihr Sohn Tim, 17 Jahre alt, erschoss 15 unschuldige Menschen, tötete sich dann selbst. Die Waffe und mehrere hundert Schuss Munition hatte der Sohn nach jetzigem Stand der Ermittlungen seinem Vater, einem begeisterten Sportschützen, entwendet. Fassungslos reagierten Jörg und Ute K., als ein Spezialeinsatzkommando (SEK) am Mittwoch gegen 11 Uhr ihr Haus stürmte und durchsuchte, während andere schwer bewaffnete SEK-Beamte ihrem flüchtigen und schwer bewaffneten Sohn Tim nachjagten.

Tim tötet sich selbst

Als die Polizei den 17-Jährigen im benachbarten Wendlingen stellt, wird er von Polizeikugeln an den Beinen getroffen, in jeder Wade eine. Doch Tim bricht nicht geschwächt zusammen. Ihm gelingt es, die Beretta seines Vaters noch einmal durchzuladen, sich die Mündung der Pistole an die rechte Schläfe zu setzen und sich selbst zu töten. "Bei dem Adrenalin, das durch seinen Körper gerauscht sein muss, nicht verwunderlich", sagt eine Ermittlerin.

"Auch sie haben einen geliebten Menschen verloren"

Man könne nicht ermessen, was die Eltern bei der Nachricht von seinem Tod bewegt habe, nachdem sie wussten, dass er 15 Menschen getötet hatte. "Auch sie haben einen geliebten Menschen verloren. Ein Tod, der sie zudem in große Trauer und Erschütterung stürzt, weil ihr Sohn so ein Blutbad angerichtet hat", sagt Siegfried Mahler, Leiter der Staatsanwaltschaft Stuttgart.

Opfer werden nicht obduziert

Der einzige Wunsch der Eltern nach der Tragödie war, ihren Sohn ein letztes Mal sehen zu können. Am Donnerstag erschienen Jörg und Ute K. in der Gerichtsmedizin in Stuttgart und nahmen Abschied von ihrem Kind. Am Freitag soll die Leiche obduziert werden. Bei den 15 Opfern, die Tim K. mit in den Tod riss, verzichtet die Staatsanwaltschaft auf eine Obduktion. "Wir wollen den Angehörigen nicht noch mehr Schmerz zufügen", sagt Mahler. Alle Opfer sollen gemeinsam aufgebahrt werden, damit sich ihre Familien und Freunde von ihnen verabschieden können.

Familie versteckt sich an geheimem Ort

Jörg und Ute K. haben sich mit ihrer 15-jährigen Tochter an einen geheimen Ort geflüchtet. Sie wollen in Ruhe gelassen werden und versuchen, die Situation zu erfassen, heißt es. Psychologische Betreuung von Seiten der Polizei haben sie abgelehnt, obwohl die es mehrmals angeboten hat. Die einzigen, die ihren Aufenthaltsort kennen und zu denen sie Kontakt halten, sind die Ermittler. Polizeischutz bekommen Tims Eltern nicht. "Wir sehen sie nicht in Gefahr", sagt Staatsanwalt Mahler. Nur ihr Haus in Weiler zum Stein werde weiterhin von Polizeibeamten abgeschirmt.

Tim ging ganz normal zur Schule

Tim K. verließ das Haus am Tag des Amoklaufs nicht in einem Kampfanzug. Er trug keine Sturmhaube. Auch keinen Patronengürtel oder Armeestiefel. Der 17-Jährige ging aus dem Haus wie an jedem Tag: In Jeans, Pullover und mit einer Jacke wie sie viele Jugendliche in seinem Alter tragen - nur waren die Taschen bepackt mit mehr als 250 Schuss Munition. "Er hatte sie in die Hosen-, Ärmel- und Jackentaschen gestopft", sagt der Leitende Kriminaldirektor von Waiblingen, Ralf Michelfelder. Tim sei entschlossen gewesen, zu töten - "so viele Menschen wie möglich". Die Ermittler sind einhellig davon überzeugt: "Wir haben trotz der vielen Opfer Schlimmeres verhindert. Tim K. wollte viel mehr Menschen töten."

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Wut durch mangelndes Selbstbewusstsein?

Das Motiv für seine Wut sehen sie in seinem mangelnden Selbstbewusstsein. "Er fühlte sich nicht anerkannt, er fühlte sich minderwertig", sagt Michelfelder. Seinen Eltern gegenüber habe er immer wieder trotzig gesagt: "Mir kann keiner was!" Der Sohn von Jörg und Ute K. durchsiebte Schüler, Lehrer mit Schüssen, hielt dem 41-jährigen Igor W., den er als Geisel nahm, die Beretta an den Kopf und sagte: "Soll ich mal 'nen Spaß machen und ein paar Autofahrer abknallen?"

"Herz am rechten Fleck"

Ausgerechnet der Sohn dieser mustergültigen Familie. Behütet sei Tim in dem 3000-Seelen-Ort Weiler am Stein aufgewachsen, erzählen Nachbarn und Eltern seiner Mitschüler. Ihm und seiner drei Jahre jüngeren Schwester habe es an nichts gefehlt. "Die Eltern haben denen beiden fast alles gekauft, was sie wollten", sagt Tims Freund Daniel (Name von der Redaktion geändert). Tims Vater, Diplom-Mathematiker, baute ein Unternehmen mit 100 Mitarbeitern auf. Tims Schulkameraden beschreiben Jörg K. als streng, seine Angestellten schätzen ihn als loyalen Chef "mit dem Herz am rechten Fleck". Der 42-Jährige arbeitet viel, seine knappe Freizeit verbringt er im Schützenverein Leutenbach oder mit der Familie. Vor dem Einfamilienhaus mit den markanten Giebelfenstern haben jetzt Übertragungswagen französischer, britischer und türkischer TV-Sender Stellung bezogen.

Tim war in psychischer Behandlung

Dass Tim in psychiatrischer Behandlung war, behielten Jörg und Ute K. für sich. Nicht einmal seine Schwester soll davon gewusst haben, dass Tim mehrmals einen Experten in Heilbronn sah. Das Schreiben des Musterungsamts, das dem 17-Jährigen psychische Probleme bescheinigt, hängten seine Eltern ebenfalls nicht an die große Glocke. Dass er seine Therapie einfach abbrach, müssen sie mitbekommen haben.

Villa, Porsche und Waffen

Jörg und Ute K. gelten als wohlhabend. Sie waren stolz auf das Eigenheim, das sie sich bauen ließen, mit einem großzügigen Wintergarten, einer Dachterrasse und Zierbäumchen im Garten. "Aber außer dem schicken Haus und dem Porsche haben sie sich nichts Auffallendes geleistet", sagt eine Nachbarin. "Na ja, und seinen Waffenspleen eben noch", unterbricht sie ihr Mann.

Beretta war im Schlafzimmer

Warum Tims Eltern 14 Waffen und 4600 Schuss Munition vorschriftsmäßig in einem Tresor verschlossen hielten, eine Beretta jedoch im Schlafzimmer aufbewahrten - dazu schweigt die Polizei. Ein Beamter sagt nur so viel: "Es sind sicher nicht die einzigen Leute, die denken, sie können sich mit einer Waffe im Nachttisch vor Einbrechern schützen."

Nachbarn haben Mitleid

Anwohner zeigen Mitleid mit dem Elternpaar. "Die sind genauso Opfer wie die 15 Menschen, die ihr Sohn erschossen hat, und deren Angehörige", sagt ein Rentner, der in eine Straße weiter wohnt. "Und zusätzlich werden sie sich Vorwürfe machen, dass sie den Buben mit in den Schützenverein genommen haben."

"Sehr geübt im Umgang mit Schusswaffen"

Tim sei "im Umgang mit Schusswaffen sehr geübt" gewesen, sagt Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech. 60-mal feuerte er in den Räumen seiner ehemaligen Schule, neunmal auf dem Gelände der Psychiatrischen Klinik, 44-mal allein nach seiner Flucht nach Wendlingen. Für die Eltern sei es noch immer unfassbar, dass ihr Sohn Tim so um sich gefeuert haben soll, sagt ein Ermittler.

Sportlich, schüchtern und beliebt

Als Kind war der Junge mit dem dunklen Haar und den dunkelbraunen Augen auffallend sportlich, schüchtern und beliebt. "Wir haben ihn als absolut netten und ehrgeizigen sowie fairen Tischtennisspieler in Erinnerung", sagt Eva Sebele, Vorsitzende des TSV Leutenbach. In der Bezirksrangliste des Jahres 2001 stand Tim in der Kategorie Schüler B 2 auf Platz 1. 2004 gewann er mit 13 Jahren die Bezirksmeisterschaften.

"Das machen doch alle"

Tim galt in seinem Umfeld als höflich, als einer, der sich zu benehmen wusste, der still sein Leben lebte, ohne es mit sonderlich vielen Freunden zu teilen. Mit zwei Jungens aus seiner ehemaligen Klasse traf er sich regelmäßig, einer der beiden wohnt in der direkten Nachbarschaft der Familie K. Mit einem Softgewehr hätten sie oft im Keller der K.s "herumgeballert". Tim habe mehr als 20 solcher Waffen besessen. "Aber das klingt jetzt wieder so schlimm, das machen doch alle. Das hat mit Gewalt nichts zu tun", sagt Dirk (Name von der Redaktion geändert). Im Keller habe sein Vater ihm dafür extra eine Schießbahn gebaut.

"Er traf eigentlich immer ins Schwarze"

Am Computer in seinem Zimmer habe Tim auch Counterstrike gespielt. Noch lieber aber verausgabte er sich beim Paintball, einem Sport, bei dem man den Gegner mit Farbpatronen beschießt. "Aber das war witzig, nichts Schlimmes. Man kann ihn da in keine Ecke stellen", verteidigt ihn Dirk. Daniel sagt: "Wir haben bei den K.s im Keller immer mit der Softair auf Zielscheiben geschossen. Tim hat eigentlich immer ins Schwarze getroffen." "In seinem typischen Jugendzimmer hingen die Softairs an der Wand", sagt Alexander Stalder, stellvertretender Leiter der Kriminalpolizei Waiblingen. Eine angeblich exorbitante Sammlung von Horror- und Gewaltvideos habe es nicht gegeben, lediglich eine Handvoll Horrorfilme.

Einen Abschiedsbrief gibt es nicht

Auf seinem Computer, der in seinem Zimmer stand, fanden die Ermittler ein paar wenige Pornobilder und Gewaltspiele - "wie es viele Jugendliche haben", so Chef-Ermittler Mahler. Alles nichts Außergewöhnliches für einen Menschen in seinem Alter. Seit drei Jahren betrieb Tim Krafttraining, weil er gern "dickere Arme" gehabt hätte. Auch das nichts Außergewöhnliches. "Einen Abschiedsbrief gibt es nicht", sagt Stalder. Sicherheitshalber werden dennoch sämtliche Notizblöcke und Adressbücher aus Tims Zimmer ausgewertet.

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