Der Amokläufer Tim K. bei einer Siegerehrung im Jahr 2004 (Foto: ddp)
Die dritte Stunde hat noch nicht lange angefangen, als im ersten Stock der Albertville-Realschule in Winnenden die Hölle losbricht. Osama P. (16) hat gerade Unterricht in einem der Physikräume, als ein schwarz Gekleideter die Türe aufreißt und ohne Vorwarnung anfängt, mit einer Pistole auf die Schüler zu schießen. Der Schütze feuert mehrere Kugeln in den Raum. Geschrei bricht los. Osama wirft sich unter den Tisch. Neben ihm liegt seine Banknachbarin. Dann wird die Tür wieder zugeworfen.
Osama blickt um sich. Er sagt etwas zu dem Mädchen, das neben ihm gesessen hat, doch die 16-Jährige antwortet nicht. Als er sich zu ihr umdreht, sieht er Blut um ihren Kopf. Die Zehntklässlerin scheint ihn anzublicken. Dann wird ihm klar, dass sie tot ist.
Zwei Zimmer weiter sitzt der 15-jährige Caglayan B. . Der Neuntklässler hört das Knallen der Pistole und sagt zu seiner Lehrerin: "Da wird geschossen." Nein, antwortet die. Das seien sicher Handwerker, er solle sich keine Sorgen machen. Dann wird auch hier die Türe aufgerissen. Herein kommt ein Lehrer. "Wir haben einen Amokläufer im Haus", ruft der Mann. Die Lehrerin solle die Türe abschließen, die Schüler unter die Tische flüchten und sich ruhig verhalten. Dann wird wieder geschossen.
Geschockte Schüler stehen vor der Albertville-Realschule in Winnenden, wo ein 17-Jähriger ein Blutbad angerichtet hatte (Foto: AP)
Drei Tote im Klassenzimmer
Osama P. versucht derweil, sich in seinem Klassenzimmer ein Bild von der Lage zu machen. Seine Banknachbarin ist nicht das einzige Todesopfer. Rund drei Tote kann er in dem kleinen Klassenzimmer ausmachen.
Täter kam noch einmal zurück
Noch bevor der Sohn pakistanischer Eltern einen klaren Gedanken fassen kann, kommt der schwarz Gekleidete zurück und eröffnet wieder das Feuer. Aufs Neue verschwindet er nach kurzer Zeit. In panischer Angst ruft Osama seinen älteren Bruder Anis an. Schluchzend berichtet er von den Morden und fragt verzweifelt, was er nun machen soll. "Hau ab", ruft der geschockte Anis. "Mach', dass du von da wegkommst."
Die Leiche des besten Freundes liegt auf dem Boden
"Raus hier", ruft nun auch die Lehrerin ihren Schülern zu. "Nehmt die Feuerleiter." Alle hasten schreiend zum Fenster. Davor befindet sich die rettende Stahltreppe, die eigentlich für Brandkatastrophen vorgesehen ist. Alle zugleich versuchen die geschockten Jugendlichen auf die Leiter zu kommen. Ein Mädchen stürzt dabei aus dem ersten Stock in den Hof. Sie habe Rippenbrüche erlitten, heißt es später, sei aber am Leben. Vier tote Schüler bleiben in dem Physiksaal zurück. Beim Hinauslaufen sieht Osama die Leiche seines besten Freundes Ibrahim am Boden liegen.
"Auffällig" viele Frauen und Mädchen unter den Opfern
Insgesamt zwölf Menschen sind zu diesem Zeitpunkt gestorben: acht Schülerinnen, ein Schüler, zwei Lehrerinnen und eine Referendarin. Außerdem verletzte Tim K. sieben Schülerinnen durch Schüsse. Damit sind "auffällig" viele Frauen und Mädchen unter den Opfern des Amokläufers, wie der baden-württembergische Innenminister Heribert Rech später auf einer Pressekonferenz feststellen wird. Rückschlüsse auf mögliche Motive des Amokläufers will der Politiker zu diesem Zeitpunkt - wenige Stunden nach der Tat - noch nicht ziehen. Fest stehe aber, dass K. nicht wahllos um sich feuerte, sondern seinen Opfern gezielt in den Kopf schoss.
Verkäufer und Kunde im Industriegebiet erschossen
Nach seinen Morden flieht der 17-jährige Todesschütze zu Fuß aus der Schule und erschießt nur wenige hundert Meter vom Eingang entfernt einen Mann, der in seinem Auto sitzt. Dann flieht er in die Innenstadt und zwingt einen Autofahrer, ihn mitzunehmen. Er lässt sich in die Nähe des 40 Kilometer entfernten Wendlingen bringen. Dort fährt der Besitzer des Wagens sein Auto auf den morastigen Seitenstreifen und flieht körperlich unbeschadet. In einem nahe gelegenen Industriegebiet wird der Todesschütze von der Polizei gestellt. Wieder feuert er auf alles, was ihm vor die Augen kommt. Dabei sterben der Verkäufer eines Autohauses und sein Kunde, die bei einem Verkaufsgespräch zusammensitzen. Eine Polizeibeamtin und ihr Kollege - beide in zivil - werden durch Schüsse in Hals und Unterkiefer schwer verletzt. Der Amokläufer liefert sich ein letztes Feuergefecht mit der Polizei und stirbt schließlich durch eine Kugel aus der eigenen Waffe.
Täter war "ruhig und unauffällig"
Der Täter, so erzählen die Augenzeugen später, habe während all dem kein Wort gesagt. Geschweige denn, hasserfüllte Parolen geschrien. Alle scheinen ihn zu kennen. Seine Eltern seien "reich", wird den Reportern erzählt. Und immer wieder heißt es, der 17-Jährige, der im Jahr zuvor seine Mittlere Reife an der Albertville-Schule gemacht habe, sei ruhig und unauffällig gewesen - "ganz normal, halt", sagt einer der Schüler, die vor der Unglücksschule in der Kälte stehen. Anis P. hat einmal mit ihm Poker gespielt. Auch da sei ihm nichts Besonderes an dem Jungen aufgefallen, außer dass seine Eltern nicht gerade arm gewesen sein können.
Seelsorger und Polizisten gehen ein und aus
Über Gründe will auch der frühere Schulleiter nichts sagen. Blass und geschockt steht er neben dem Gebäude und sieht fassungslos zu, wie Notfallseelsorger und Polizisten in der nahe gelegenen Stadthalle ein- und ausgehen. Hier hat die Polizei eine Art Auffanglager für die Angehörigen eingerichtet.
"Der Hass auf die Lehrer ist sehr groß"
Er habe gehört, dass der Todesschütze vor Kurzem seinen Ausbildungsplatz verloren habe, sagt Anis P. Vielleicht sei es der Druck gewesen, der ihn zu der Tat getrieben habe. Viele Schüler seien voller Wut auf den Schulbetrieb. "Wenn sie in der Schule versagen, machen sie die Lehrer dafür verantwortlich", so der 17-Jährige. Vielleicht seien die ja das eigentliche Ziel gewesen. "Egal, ob sie schuld sind oder nicht: Der Hass auf die Lehrer ist sehr groß", sagt Anis.