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Amoklauf in Ansbach: 18-jähriger Täter aus Koma erwacht

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Tagebuch offenbart Hass auf Menschheit und Schule

21.09.2009, 19:03 Uhr

Foto des Amokläufers von Ansbach; der markante Turm des Carolinum, seiner Schule, die er hasste (Fotos: ddp, AP) Foto des Amokläufers von Ansbach; der markante Turm des Carolinum, seiner Schule, die er hasste (Fotos: ddp, AP)

Vier Tage nach dem Amoklauf am Carolinum-Gymnasium im mittelfränkischen Ansbach in Bayern ist der schwer verletzte Täter aus dem künstlichen Koma erwacht. Unterdessen haben die Ermittler den Ablauf der schrecklichen Tat am Donnerstagmorgen ziemlich lückenlos rekonstruiert und sind auch bei der Suche nach dem Motiv des 18-Jährigen ein gutes Stück weitergekommen: Hass auf die Gesellschaft in allgemeinen und seine Schule im besonderen.

Wichtigste Beweismittel - neben dem bisher bekannten Testament und dem Kalenderblatt mit dem Eintrag "Apocalypse Today" am 17. September - sind wohl mehr als 80 Seiten Text, die Ermittler auf der gelöschten Festplatte des Laptops des Schülers gefunden haben und wiederherstellen konnten. Wie die Staatsanwaltschaft am Montag darlegte, hatte der Amokläufer seit April 2009 eine Art Tagebuch geführt, in dem er Briefe an eine fiktive Person schrieb, der er einen weiblichen Vornamen gegeben hatte. Das zumindest vermuten die Ermittler - ob hinter dem Mädchennamen vielleicht auch eine reale Person steckt, ist bislang reine Spekulation.

Tat minutiös geplant - Opfer wahllos herausgepickt

In diesem Tagebuch plante er zum einen seine Tat detailliert und minutiös, zum anderen deutete er auch die Motive an. So hatte er unter anderem vor, die Schüler mit Feuer aus ihren Klassenzimmern zu treiben, um sie dann auf dem Flur mit seiner Axt niederstrecken zu können - so wie er es bei dem einen schwer verletzten Mädchen tatsächlich auch getan hatte. Allerdings hatte er es wohl auf niemand bestimmten abgesehen - seine Opfer pickte er sich wahllos heraus.


Stellten auf einer Pressekonferenz neue Erkenntnisse zum Amoklauf von Ansbach vor: Staatsanwalt Jürgen Krach, Oberstaatsanwältin Gudrun Lehnberger und der Ansbacher Kripo-Chef Hermann Lennert (von links) (Foto: ddp) Stellten auf einer Pressekonferenz neue Erkenntnisse zum Amoklauf von Ansbach vor: Staatsanwalt Jürgen Krach, Oberstaatsanwältin Gudrun Lehnberger und der Ansbacher Kripo-Chef Hermann Lennert (von links) (Foto: ddp)

Er wollte die Schule niederbrennen

So ging er bewusst in die dritte Etage des Schulgebäudes, weil es dort besonders viele Klassenzimmer gibt - also auch viele Schüler, die ihm nach seinen Plänen zum Opfer hätten fallen sollen. Am Ende hatte er wohl vor, das Schulgebäude niederzubrennen. Auf ihrer Pressekonferenz am Montag wies die Staatsanwaltschaft noch auf zwei Punkte hin: Zum einen seien bisher keine Gewaltfilme und Killerspiele bei ihm gefunden worden. Außerdem hat der Ansbacher Amokläufer andere ähnliche Taten - wie zum Beispiel Winnenden - als mögliche Vorbilder nur andeutungsweise erwähnt.

Unbegründete Ängste

Über die Motive des Schülers lieferten die gefundenen Dokumente den Ermittlern viel Aufschlussreiches: Er äußerte Hass auf die Menschheit im allgemeinen und fühlte sich auf seiner Schule ungerecht behandelt, ausgegrenzt und nicht anerkannt. Obwohl er gesund war und ordentliche Noten in der Schule hatte, hegte er eine unbegründete Angst vor einer schweren Krankheit und Versagen in seiner Karriere. Bei der Tat trug er mit Bedacht ein T-Shirt mit der Aufschrift "made in school" - womit er sich als Produkt der Schule verstanden wissen wollte, die er offenbar für seinen Hass und seine Angst verantwortlich machte.

Täter nimmt Eltern in Schutz

Seine Eltern machte er für seine pessimistische Weltsicht ausdrücklich nicht verantwortlich - vielmehr ein einschneidendes Ereignis in der sechsten Klasse: als er in einem Bus verprügelt worden sei und niemand ihm geholfen habe. Ein psychiatrischer Sachverständiger soll nun begutachten, ob das als Ursache für seinen tiefen Hass, seine große Angst und die extreme Gewalteskalation ausreicht.

Amokläufer überleben selten

Natürlich erhoffen sich die Ermittler auch von der Befragung des aus dem Koma erwachten Amokläufers weitere Aufschlüsse über seine Beweggründe, auch weil er zu den wenigen überlebenden Amokläufern überhaupt gehört. Bei den zurückliegenden Taten an Schulen in Deutschland, den USA und Finnland waren die Täter meist von der Polizei getötet worden oder hatten sich selbst umgebracht. Deshalb erhoffen sich Experten über den Ansbacher Fall hinaus Erkenntnisse über das, was in Amokläufern vorgeht.

Was wird er aussagen?

Der 18-Jährige sei zwar schon ansprechbar, wurde aber bisher noch nicht vernommen, teilte Oberstaatsanwältin Gudrun Lehnberger mit. Sollte sich der Gesundheitszustand des 18-Jährigen nicht wieder verschlechtern, werde sobald möglich Haftbefehl wegen zehnfachen versuchten Mordes gegen ihn eröffnet.


Schreckenstat am Donnerstag

Der 18 Jahre alte Abiturient hatte an dem Ansbacher Gymnasium am Donnerstag mit fünf Brandsätzen, vier Messern und einer Axt bewaffnet einen Anschlag auf seine Schule verübt. Dabei wurden neun Schüler und ein Lehrer verletzt, zwei 15-jährige Mädchen lebensgefährlich. Der Täter selbst wurde von einem Polizisten niedergeschossen und schwer verletzt. Eine der beiden lebensgefährlich verletzten Schülerinnen aus der zehnten Klasse erlitt ein offenes Schädel-Hirn-Trauma durch einen Schlag mit der Axt auf den Kopf, ihre Mitschülerin schwere Brandwunden. Beide Mädchen sind seit Freitag außer Lebensgefahr und erholen sich, wie es aus gut informierten Kreisen heißt. Die Schülerin mit den Brandverletzungen könne wohl bereits in der kommenden Woche aus der Klinik entlassen werden.

Lückenlos rekonstruiert

Wie die Ansbacher Kripo am Montag darlegte, ist der bislang berichtete Tathergang inzwischen weitgehend lückenlos rekonstruiert. Mehr als 60 Zeugen wurden dazu befragt. Der Täter wütete - wie geplant - tatsächlich vornehmlich im dritten Stock der Schule, warf Molotow-Cocktails in Klassenzimmer und griff Schüler auf dem Flur an. Flüchtenden Schülern warf er einen Brandsatz die Treppe hinab hinterher - wodurch das Feuer ausgelöst wurde, das der umsichtige Mitschüler dann löschen konnte, der auch die Polizei alarmierte.

Schüler wollen Unterricht

Unterdessen versuchen die rund 700 Schüler des Gymnasiums Carolinum, zur Normalität zurückzufinden, wie Schuldirektor Franz Stark erklärte. Am Morgen hätten sich etwa 400 Gymnasiasten zu einer Besprechung in der Sporthalle eingefunden und den Wunsch geäußert, wieder Unterricht zu haben. Bei Bedarf stehe aber weiterhin ein Team zur psychologischen Betreuung zur Verfügung. "Wir wollen sie langsam wieder and die Normalität gewöhnen", sagte Stark.

Ausweichräume für betroffene Klassen

Auch die Schüler der Klassen 9c und 10b, in deren Klassenräume der 18-Jährige je zwei Brandsätze geworfen hatte, hätten sich für eine Wiederaufnahme des Unterrichts ausgesprochen. Ihnen würden Ausweichräume zur Verfügung gestellt, da die Tatorte im dritten Stock des Schulgebäudes weiterhin nicht zugänglich seien.

Fehlalarm in Leverkusen

Ein am Montagmorgen ausgelöster Amokalarm an einem Gymnasium in Leverkusen hat sich derweil als Fehlalarm erwiesen. Eine Sprecherin der Polizei in Köln sagte, das ganze Gebäude sei von Einsatzkräften durchsucht worden. Die Beamten hätten aber nichts gefunden. Wie es zu dem Fehlalarm kam, ist bislang noch nicht bekannt.


 

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