06.02.2012, 09:07 Uhr
Abkehr von der Rolle als Weltpolizist? Künftig wird die Welt wohl weniger amerikazentriert sein, glaubt der Politikwissenschaftler Andreas Falke (Quelle: AFP)
Andreas Falke erforscht Auslandsbeziehungen an der Universität Erlangen-Nürnberg. Sein Spezialgebiet sind die USA. Flankierend zur Münchener Sicherheitskonferenz sprach t-online.de mit Falke über den Rückzug Amerikas auf den Pazifikraum und das Ende der großen Zeit der NATO.
Die Fragen stellte Christian Kreutzer
t-online.de: Herr Professor Falke, die USA wollen sich künftig auf die Pazifik-Region konzentrieren. Ist das alte Europa nur noch zweite Wahl?
Andreas Falke: In gewissem Sinne ja, weil Europa nicht mehr diese Probleme hat und Amerika glaubt, mit dem großen Herausforderer China umgehen zu müssen.
Rückzug aus Mangel an Problemen? Das klingt nach einer guten Nachricht.
Es ist jedenfalls kein schlechtes Zeichen. Es zeigt, dass die Dinge in Europa im Großen und Ganzen erledigt sind.
Was treibt Amerika dabei an?
Das ist im Moment vor allem eine theoretische Einschätzung: Man sieht, dass die neue Supermacht China am Aufsteigen ist. Wenn man selbst Supermacht bleiben will, muss man im Spiel bleiben. Was das konkret heißt, ist eine ganz andere Frage. Es gibt ja bislang keine Streitigkeiten bis auf die Handels- und die Wirtschaftspolitik. Aber man sieht: China ist nicht nur die aufsteigende Wirtschaftsregion, sondern auch die aufsteigende geostrategische Weltmacht. Da muss man Präsenz zeigen. Deshalb auch der Plan, Truppen in Australien zu stationieren, was ja der einzige konkrete Plan ist, von dem wir gehört haben.
Fest steht: Amerika zieht sich nicht nur aus Kostengründen zurück. Sie haben im Rahmen Ihrer Forschung auch einen neuen Isolationismus ausgemacht. Hängen die USA gerade die Uniform des Weltpolizisten an den Nagel?
Das muss man sehr differenziert betrachten. Es gibt neo-isolationistische Strömungen in der Bevölkerung und zwar schon sehr lange. Vor allem im linken Lager bei den Demokraten, die sich gegen lange, unsichere Kriege mit unsicherem Ertrag richten. Neu ist, dass es das jetzt auch im Lager der Republikaner gibt, die lange machtvolle militärische Auftritte in allen Konfliktfeldern befürwortet haben. Bei denen zeigen die Umfragen jetzt eine Abkehr von dieser Linie.
Eine Folge des Auftretens der Tea-Party?
Damit hat auch die Tea-Party etwas zu tun. Da sind sehr viele, die sagen: "Die Welt da draußen interessiert uns eigentlich nicht. Erst mal muss das Land in Ordnung kommen." Der andere Punkt, der dabei eine Rolle spielt, sind die Kürzungen beim Militär von rund 480 Milliarden Dollar in zehn Jahren. Das ist eigentlich nichts, wenn man bedenkt, dass der Verteidigungshaushalt jetzt um 56 Prozent höher liegt, als 1998. Aber langfristig müssen die USA ihren Haushalt konsolidieren, dann kommt man am Verteidigungshaushalt gar nicht vorbei. Wir werden also noch mehr Kürzungen sehen, die sich in der Folge dann womöglich mit den neo-isolationistischen Strömungen verbinden. Das ist aber eine Langzeitperspektive. Bis jetzt haben die Amerikaner noch kaum etwas gestrichen. Sie haben zum Beispiel immer noch elf Flugzeugträger. Sie reduzieren ein wenig die stehenden Streitkräfte, aber langfristig kann man sich schon vorstellen, dass es einen Rückzug auf das eigene Territorium gibt.
Sie glauben, die Isolationisten setzen sich gegenüber den Internationalisten durch?
Es wird sehr stark davon abhängen, ob sich die Wirtschaft wieder zum Positiven entwickelt. Aber auch von den ganzen Haushaltskämpfen in Washington. Wenn die Republikaner sich durchsetzen und es keine Steuererhöhungen gibt, bleibt natürlich wenig Spielraum für den Verteidigungshaushalt und damit für internationale Angelegenheiten.
Denken die Republikaner dabei überhaupt noch strategisch oder agieren sie rein ideologisch?
Keiner ist wirklich ehrlich. Die Republikaner haben eine Basis, die immer isolationistischer wird. Aber nach außen hin wollen sie natürlich immer noch sagen: Amerika muss stark sein. Das ist ja eine Tradition. Doch die Rechnungen müssen irgendwann einmal aufgemacht werden – vielleicht nicht morgen, aber in den nächsten drei bis vier Jahren.
Und dann?
Langfristig werden wir wohl eine Welt bekommen, die weniger amerikazentriert ist. Eine amerikazentrierte Welt heißt ja, dass die USA in allen Konfliktfeldern der Welt Präsenz zeigen. Ich glaube, einerseits wird die Neigung dazu abnehmen, andererseits werden auch die Ressourcen gar nicht mehr da sein.
Vor 15 Jahren haben die Neokonservativen das „Projekt für ein neues amerikanisches Jahrhundert“ ausgerufen. Das ist dann wohl gescheitert?
Man hat eben durch die beiden Kriege, vor allem den Irak-Krieg, den ganzen Kredit verspielt. Der Irak- und der Afghanistankrieg haben sich ja gegenseitig kannibalisiert. In Afghanistan waren lange viel zu wenige US-Truppen, was den Taliban genützt hat. Zudem gab es Fehler in der Strategie. So hat man Pakistan strategisch nie wirklich eingebunden. Und wenn Sie den Arabischen Frühling sehen, muss man sagen: Die Iraker wären Saddam vielleicht auch ohne Krieg losgeworden. Man hat damit sowohl Ressourcen als auch das Vertrauen in der Bevölkerung, die ja immer sehr stolz auf die Armee war, verspielt.
Funktioniert denn die Entscheidungsfindung zwischen Regierung und Opposition noch?
Das ist eben so eine Sache, weil die beiden Lager sich diametral entgegengesetzt sind. Das zeigt sich vor allem in der Haushaltspolitik. Wenn man da nicht zu tragfähigen Kompromissen kommt, dann wird meines Erachtens langfristig auch die Fähigkeit, eine Führungsrolle zu spielen unterminiert. Da muss man beginnen, ehrlich zu sein und beispielsweise zugeben, dass man die beiden „09/11-Kriege“ nicht richtig finanziert hat: Man führt zwei Kriege und senkt gleichzeitig die Steuern. Das passt nicht zusammen. Ideologisch wollten die Bush-Leute mit den Steuern runter, aber gleichzeitig eine expansive Außenpolitik betreiben. Da ist Obama gar nicht so unterschiedlich. Er setzt zwar andere Schwerpunkte, hat aber im Grunde das Steuer gar nicht herumgerissen.
In absehbarer Zeit werden wir wieder zwei Supermächte haben. Wo bleibt da Europa?
Es wird wohl eine relativ geringe Rolle spielen. Strategisch hat Europa in Asien wenig einzubringen. Nicht einmal wirtschaftlich hat Europa dort sehr viel Profil.
Das ist dann wohl eher die negative Botschaft für uns, im Gegensatz zu der positiven weiter oben?
Naja, die Frage ist, ob Europa sich da überhaupt irgendwie einbringen kann. Die USA suchen geheime Koalitionen mit anderen Ländern, denen der Aufstieg Chinas Sorgen macht – mit Indien, Japan, Südkorea und Australien. In diesem Szenario sehe ich Europa einfach nicht. Es ruft auch niemand danach. Europa muss auch erst einmal seine eigene Finanzkrise lösen.
Spielt da die NATO überhaupt noch eine Rolle?
Eigentlich nur noch im Nahen Osten.
Die große Zeit der NATO geht zu Ende?
Das müsste man eigentlich so sehen. In den letzten 30 Jahren hat man aber immer wieder Überraschungen gesehen.
Jens schrieb:
am 4. Februar 2012 um 14:45:23
(17)
(2)
@ Matze
Sie haben absolut Recht und ihre genannten Beispiele find ich auch mehr als verabscheuungswürdig. Und sicher haben die Amis damals
auch im Eigennutz gehandelt, was aber nichts an den Fakten ändert! Aber dieser generelle USA-Hass innerhalb der deutschen Bevölkerung der ja nicht erst seit gestern da ist, finde ich trotzdem mehr als lächerlich. Und ob die neue Supermacht China wirklich so viel besser sein wird, möchte ich schon jetzt mehr als anzweifeln!
mehr
Kommentar melden
Matze schrieb:
am 4. Februar 2012 um 13:41:50
(15)
(0)
@Jens
Die Dt sind nicht undankbar, sondern tief enttäuscht vom jüngsten Gebärden der Amis. Angriffskriege, Guantanamo, Abu Ghraib,
freigesprochene Kriegsverbrecher, Foltermaßnahmen, Ratschläge an Europa obwohl selbst finanziell total am Boden, das alles hat das alte Glanzbild bröckeln lassen. Außerdem haben die Amis nicht aus Nächstenliebe der BRD geholfen, sondern aus reinstem Egoismus. Sie korrigierten mit dem Marshallplan auch die eigenen Fehler des Versailler Vertrags.
mehr
Kommentar melden
Jens schrieb:
am 4. Februar 2012 um 13:15:52
(14)
(16)
USA-Hass langsam lächerlich
Die Deutschen sind so ein undankbares und gehässiges Volk! Hätten die Amis ihren eigentlichen Plan nach dem
Weltkrieg durchgezogen dann wären wir alle heute noch Bauern und könnten kaum in dem relativem Wohlstand leben, den wir seit langer Zeit haben. Aber nein es kam der Marshallplan!!! Die Amis haben verhindert das der Russe nicht nur die DDR sondern ganz Deutschland ausnimmt und zudem die Vereinigung mit abgesegnet. Aber das hat alles das arrogante deutsche Volk vergessen!
mehr
Kommentar melden
Bitte füllen Sie alle Felder aus.

Sie sind der Meinung, dass dieser Kommentar anstößige Inhalte enthält.

Die neue Frühlingskollektion von Topmarken: tolle Schuhe, Mode u.v.m. - Versand gratis. mehr
Extravagante und schicke Damen-
mode für die neue Saison: jetzt online bestellen. von WENZ
Tolle Kurven perfekt in Szene gesetzt: zauberhafte Damenmode bis Größe 60. zum XXL-Special