10.03.2010, 07:46 Uhr | Von Yassin Musharbash, Spiegel Online
Auf der Suche nach der Superbombe: Aiman al-Sawahiri, Kopf des Terrornetzwerks Al-Kaida (Foto: dpa)Es ist nicht schwer, Zitate von Al-Kaida-Kadern aufzuspüren, die zur Beschaffung und zum Einsatz von Massenvernichtungswaffen aufrufen. Schon 1998 hatte Osama Bin Laden die Versorgung mit Atomwaffen, biologischen und chemischen Kampfstoffen ("ABC-Waffen") zur Pflicht erklärt.
Ein aktuelles Echo dieses Befehls findet sich in einem Interview des Anführers der Kaida-Filiale auf der Arabischen Halbinsel (AQAP), Abu Basir al-Wuhaischi: "Es ist eine religiöse Pflicht, dass die Mudschahidin sich Massenvernichtungswaffen beschaffen, um sich zu verteidigen."
Angriff auf den "großen Satan"
Erst an Weihnachten 2009 schickte seine Truppe Umar Faruk Abdulmutallab aus, einen US-Jet über Detroit in die Luft zu sprengen. Zwar hatte der Nigerianer nur gewöhnlichen Sprengstoff dabei, aber immerhin bewies AQAP damit, dass sie sich auch als Filiale zu Angriffen auf den "großen Satan" USA berufen fühlt.
Übertreibung oder Realität?
Wie real ist also die Gefahr, dass es Al-Kaida eines Tages tatsächlich gelingen könnte, solche Waffen zu beschaffen und einzusetzen? Und verfolgt das Terrornetzwerk überhaupt noch eine solche Strategie? Diesen Fragen ist der Forscher und CIA-Veteran Rolf Mowatt-Larssen nachgegangen. Seine Studie "Die Bedrohung durch Kaida-Massenvernichtungswaffen: Übertreibung oder Realität?" veröffentlichte das Belfer-Center der Harvard Kennedy School Anfang dieser Woche.
Einblick in geheime Informationen
Eine eindeutige Antwort, das vorweg, findet Mowatt-Larssen nicht - wohl aber diskussionswürdige Indizien. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 leitete der Verfasser einige Jahre lang die CIA-Abteilung, die sich mit Al-Kaidas Plänen für Massenvernichtungswaffen beschäftigte. Er hatte in dieser Zeit Einblick in geheime Informationen. Davon profitiert deutlich seine Chronologie über die zahlreichen Versuche des Terrornetzwerks, sich mit ABC-Waffen zu versorgen, die das Kernstück seiner Studie bildet.
Interessante Schlüsse
Mowatt-Larssen versucht zudem, das Denken von Al-Kaidas Strategen ernst zu nehmen und mit den wahrscheinlichen oder möglichen Kapazitäten in Beziehung zu setzen. Schon das allein führt ihn zu interessanten Schlüssen. So schreibt er etwa: "Wenn Osama Bin Laden und seine Führungskader daran interessiert gewesen wären, krude chemische, biologische und strahlende Materialien in kleinen Anschlägen einzusetzen, dann besteht wenig Zweifel daran, dass sie es mittlerweile schon getan hätten."
Sawahiri sagte einen Giftgasanschlag in New York ab
Mit anderen Worten: Ein Szenario wie zum Beispiel ein Giftgasanschlag auf die U-Bahn in einer US-Großstadt ist aus Sicht al-Qaidas zwar machbar. Aber nicht unbedingt erwünscht. Als Beleg bietet Mowatt-Larssen einen Vorfall aus dem Jahr 2003 an, als Bin Ladens Vize Aiman al-Sawahiri genau so einen für New York geplanten Anschlag absagte - mit der Begründung, es gäbe "etwas Besseres".
Kapazitäten womöglich verlagert
Mowatt-Larssen führt dieses Argument noch weiter, vielleicht sogar bis auf die Spitze: Er geht davon aus, dass Al-Kaida mit 9/11 die Latte für spektakuläre Anschläge sehr hoch gehängt habe - und deshalb eine etwaige Verlagerung von Kapazitäten in Richtung Massenvernichtungswaffen sorgfältig abwäge, um mindestens ebenso unauslöschliche Bilder und Emotionen zu produzieren.
Was Al-Kaida will, ist womöglich am wahrscheinlichsten: ein Großanschlag
Dieser Gedankengang stellt die Wahrscheinlichkeitsrechnung vieler Sicherheitsexperten auf den Kopf. Der Autor schreibt, Analysten gingen normalerweise davon aus, dass ein Angriff mit nicht-konventionellen Waffen durch Terroristen umso wahrscheinlicher sei, je einfacher diese zu beschaffen sind. Er selbst kommt jedoch zu dem Schluss, dass womöglich das Gegenteil richtig ist: Wenn Al-Kaidas Ziel der größtmögliche Anschlag sei, dann sei der wahrscheinlichste Anschlag vermutlich auch jener, der solche Waffen umfasst, die "am effektivsten" seien.
Mehr Bedrohungsanalyse als Report
Liest man die Studie genau, stellt man fest, dass sie ohnehin eher eine Bedrohungsanalyse ist als ein Report, der sich auf Fakten und Daten stützt. Mowatt-Larssen sagt denn auch ganz klar, dass viele Experten "die Abwesenheit von Informationen mit der Abwesenheit einer Bedrohung" gleichsetzten; er sieht das anders und hält solches Denken für potentiell fahrlässig.
Massenvernichtungswaffen früher für Al-Kaida sehr wichtig
Zugleich freilich gibt der Autor bereitwillig zu, dass Al-Kaidas Programme zur Beschaffung von Massenvernichtungswaffen derzeit "unterbrochen" sein könnten. In der Vergangenheit, das wird sehr detailliert dargelegt, habe Al-Kaida allerdings ausgiebig unter Beweis gestellt, wie wichtig ihr solche Waffen seien. Aiman al-Sawahiri persönlich leitete demzufolge das Anthrax-Programm Al-Kaidas, das sich zudem auf mehrere verschiedene Zugänge stützte, im konkreten Fall auf zwei mit den Terroristen sympathisierende Wissenschaftler aus zwei Ländern, die unabhängig voneinander für Al-Kaida arbeiteten. Die Dschihadisten richteten in Kandahar sogar ein Labor ein.
Bin Laden versuchte angeblich an Uran zu gelangen
Vor 9/11 war Al-Kaida in dieser Hinsicht freilich aktiver, weil nach dem Afghanistan-Krieg der Bewegungsfreiraum erheblich eingeschränkt wurde. Längst bekannt sind Giftgasexperimente in afghanischen Ausbildungslagern vor 9/11 und entsprechende Anschlagsplots in Europa in den Jahren 2002 und 2003, weniger bekannt dagegen verschiedene wahrscheinliche (nicht bewiesene) Versuche Al-Kaidas, sich nukleares Material zu beschaffen. So habe Bin Laden 1993/94 im Sudan versucht, Uran zu besorgen.
Sauerland-Zelle lernte auch mit Giftstoffen umzugehen
Aus den letzten Jahren gibt es derweil anscheinend immer weniger Belege dafür, dass Al-Kaida aktiv an Massenvernichtungswaffen arbeitet. Zwar berichteten die Angeklagten der "Sauerland-Zelle" in Deutschland, dass sie im Ausbildungslager der Islamischen Dschihad-Union (IJU) in Afghanistan durchaus auch Giftstoffe herzustellen lernten; auch Al-Kaida hat womöglich den Standard-Lehrplan nicht verändert. Aber solche Lektionen sind kaum vergleichbar mit Versuchen, sich eine schmutzige Bombe zusammenzubauen und in Manhattan Tausende Menschen zu verstrahlen.
Anleitung zum Bau einer Atombombe im Internet
Doch in dem Maße, in dem die Geheimdienstinformationen weniger wurden, stellten Analysten und Experten nach 9/11 fest, dass sich im Internet zahllose Anleitungen finden, die angeblich erklären, teilweise in Bildern und Filmen, wie man biologische oder chemische Kampfstoffe herstellt. Sogar eine Anleitung für den Bau einer Atombombe kursierte 2005 auf Arabisch in 15 Folgen, allerdings ist sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht praktikabel.
Mit Anthrax-Experiment gescheitert
Das gilt für die einfacheren Anleitungen für Giftgase oder Krankheiterreger freilich oft auch. Die norwegische Terrorexpertin Anne Stenerson hat etliche dieser Anleitungen untersucht und kommt zu dem Ergebnis, viele seien "bestenfalls ehrgeizig". Oft fehle aber jeder Hinweis darauf, wie die Substanzen anschließend ausgebracht werden können - eine zentrale Hürde. Mit ihrem Anthrax-Experiment sei Al-Kaida seinerzeit genau daran gescheitert, so Mowatt-Larssen zur "Washington Post".
Studie ist Glaubenssache
Mowatt-Larssens Studie ist interessant, aber nicht wegweisend - denn sie basiert auf beinahe purer Analyse, und das macht seine Schlussfolgerungen letztlich zur Glaubenssache. Man kann sich ihnen anschließen, oder es weiterhin halten wie viele Terroranalysten, die einen Anschlag mit Massenvernichtungswaffen für unwahrscheinlich halten, weil es zu wenige Indizien aus der Gegenwart gibt, die das Szenario real erscheinen lassen. Es ist sinnvoll, aus der Vergangenheit Schlüsse abzuleiten - aber nicht zwingend. Al-Kaida hat sich schließlich verändert.
Ziele klar - aber nicht der Weg
Auch nach der Lektüre bleibt die ewige Kluft also unbeschrieben, deren Größe abzuschätzen das Geschäft aller Terroranalysten weltweit bleibt: Al-Kaidas Ziele sind relativ klar - was unklar ist, sind die Fähigkeiten, diese auch zu erreichen. Allerdings ist es bei allen Spekulationen über einen etwaigen Atompilz über Los Angeles sicher auch kein Fehler, sich ins Gedächtnis zu rufen, was die Kaida-Führung schon 1994 feststellte: Dass ein Radiosender letztlich mächtiger sei als eine Atombombe.