21.03.2011, 13:50 Uhr
Über dem Reaktorblock 3 in Fukushima steigt am Montag Rauch auf. (Foto: AP) (Quelle: AP)
Das havarierte Atomkraftwerk Fukushima in Japan ist am Montag teilweise evakuiert worden. Die Arbeiter, die sich in der Nähe des Reaktors 3 befunden hätten, seien am Nachmittag (Ortszeit) vorerst in Sicherheit gebracht worden, weil am Mittag Rauch aus dem Reaktor aufgestiegen sei, teilte der Betreiber Tepco mit. In den Brennelementen dieses Reaktors befindet sich hochgefährliches Plutonium. Später qualmte es auch über Block 2.
Bei dem weißen Qualm über dem havarierten Block 2 handelt es sich aber wahrscheinlich um Dampf und nicht um Rauch. Das meldete die japanische Nachrichtenagentur Kyodo. Der Dampf komme vermutlich auch nicht aus dem Abklingbecken. Die genaue Ursache war weiter unklar. Der Reaktor 2 ist seit Sonntag wieder an das Stromnetz angeschlossen. Ob die Wasserpumpen funktionieren, ist unklar.
Grauer Rauch wurde den Angaben zufolge zunächst kurz vor 16 Uhr Ortszeit über dem Abklingbecken an der Südostseite von Block 3 sichtbar, verzog sich aber bis zum frühen Abend wieder. Auch hier ist die Ursache noch unklar.
In beiden Blöcken gibt es unter anderem Probleme mit der Kühlung der ausgebrannten Brennstäbe. Die Atomsicherheitsbehörde erklärte, sie gehe nicht davon aus, dass der Rauch im Zusammenhang mit dem Abklingbecken stehe. Eine Explosion hatte sich vor dem Aufsteigen des Rauches offenbar nicht ereignet.
Nach Angaben der japanischen Atombehörde sind die Reaktorblöcke 2, 5 und 6 wieder an das Stromnetz angeschlossen. zum Video
Am Wochenende und in der Nacht zu Montag hatten Helfer in die sogenannten Abklingbecken beider Blöcke Wasser gesprüht. Damit sollen die dort lagernden benutzten Brennstäbe gekühlt werden.
Die radioaktive Belastung auf dem Gelände habe sich aber "kaum erhöht", sagte Regierungssprecher Yukio Edano im staatlichen Fernsehen NHK. Derzeit versuchten Experten, den Grund für die Rauchentwicklung in Reaktor 3 herauszufinden: "Der Rauch muss nicht zwingend von dem Abklingbecken ausgehen, in dem Reaktor sind noch weitere brennbare Materialien", sagte Edano.
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Die in Block 3 verwendeten Brennelemente sind besonders gefährlich, weil es sich dabei um Plutonium-Uran-Mischoxide (MOX) handelt. Plutonium ist ein hochgiftiger Stoff. Obwohl der Block bis Sonntag früh 13 Stunden lang unter dem Beschuss von Wasserwerfern stand, war der Druck gestiegen. Das Kühlsystem in Block 3 ist seit dem Erdbeben und Tsunami ausgefallen, die innere Reaktorhülle soll nach Regierungsangaben aber noch intakt sein.
Nach den Erfolgen vom Wochenende, als der Anschluss von vier der sechs Reaktorblöcke ans Stromnetz gelang und auch die Temperaturen in den mit Wasserwerfern gekühlten Reaktorblöcken stabilisiert wurden, stieg in Block 3 der Druck wieder derart, dass Techniker einen Druckablass in Erwägung zogen.
Dabei hatte es in den ersten Tagen der Atomkrise Explosionen von radioaktivem Gas gegeben. "Selbst wenn bestimmte Dinge glatt gehen, wird es auch Rückschläge geben", sagte Edano am Montag. "Im Augenblick sind wir nicht so optimistisch, dass es einen Durchbruch gibt."
Bei der Inspektion des havarierten Atomkraftwerks Fukushima I gab es bereits vor der Katastrophe offenbar massive Unregelmäßigkeiten. Das geht aus einem Bericht der japanischen Atomsicherheitsbehörde hervor, der neun Tage vor dem verheerenden Erdbeben und dem anschließenden Tsunami veröffentlicht wurde. Demnach ließ Betreiber Tepco 33 Teile der Anlage nicht inspizieren. Darunter hätten sich Notstromgeneratoren, Pumpen und andere Teile des Kühlsystems befunden, die dann vom Tsunami beschädigt wurden und deren Ausfall zu den massiven Problemen in dem Kraftwerk führte. Schon vor der jüngsten Katastrophe hatte es immer wieder Kritik an Tepco wegen nachlässiger Wartung von Atomkraftwerken gegeben.
Die japanische Küstenwache hat dieses Video der beiden Riesenwellen veröffentlicht. Die Besatzung des Schiffs kam mit dem Schrecken davon. zum Video
Die Zahl der Toten und Vermissten nach dem Beben und der Tsunami-Welle lag offiziellen Angaben zufolge bei mehr als 21.500. Die Polizei bestätigte 8649 Todesopfer. Die Weltbank schätzte die Höhe der Schäden infolge der Naturkatastrophen auf umgerechnet rund 165 Milliarden Euro.
Zehn Tage nach Erdbeben und Tsunami harren noch 350.000 Menschen in Notunterkünften aus. Zehntausende verbrachten eine weitere Nacht in bitterer Kälte und Regen. "Wie lange wird das bloß noch andauern", sagte ein alter Mann dem japanischen TV-Sender NHK. Er verbrachte die Nacht zum Montag mit seiner Frau im Auto. "Was ich mir wünsche, ist eine Behelfsbehausung. Und ein Bad." Zwar treffen allmählich Hilfsgüter ein und die Reparaturarbeiten unter anderem an den Gas- und Wasserleitungen sind im Gange, doch vielerorts mangelt es an Heizöl und Öfen.
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Anhaltender starker Regen erschwerte am Montag die Rettungsarbeiten und schürte Ängste vor radioaktivem Niederschlag. "Wir können bei diesem Regen nicht mit Helikoptern fliegen", sagte ein Vertreter der Präfektur Miyagi, die am stärksten von dem verheerenden Erdbeben und dem anschließenden Tsunami getroffen worden war. Die in den Küstengebieten geplanten Bergungsarbeiten würden daher verschoben. Wegen des Wetters sagte auch Regierungschef Naoto Kan kurzfristig seinen Besuch in der Region ab. Er wollte ursprünglich per Hubschrauber zunächst in die Stadt Ishinomaki in Miyagi reisen. Danach wollte er nahe der Anlage Fukushima I Einsatzkräfte treffen, die seit Tagen versuchen, eine nukleare Katastrophe zu verhindern.
Der japanischen Bevölkerung bereiteten derweil verstrahlte Lebensmittel und verseuchtes Trinkwasser zusätzliche Probleme: In vier Provinzen verbot die Regierung wegen erhöhter Strahlenbelastung den Verkauf und Export von Milch, Spinat und dem japanischen Blattgemüse Kakina. Ein Sprecher der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sagte jedoch, dass Lebensmittel, die kurzzeitig Radioaktivität ausgesetzt gewesen seien, auf kurze Sicht keine Gefahr für die Gesundheit darstellten.
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Spuren von Strahlung wurden am Sonntag und Montag im Leitungswasser von neun Präfekturen festgestellt, wie die Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf Regierungsangaben berichtete. Die Grenzwerte der Kommission für atomare Sicherheit seien aber bei allen Proben unterschritten worden.
Bei einer anderen Untersuchung wurden in einem Dorf allerdings deutlich erhöhte Werte festgestellt. In dem Dorf Iitatemura, rund 40 Kilometer von der havarierten Atomanlage entfernt, wurde zudem ein Grad an radioaktivem Jod im Trinkwasser gemessen, der dreimal so hoch wie der von der Regierung festgesetzte Grenzwert war. Es gebe "keine direkten Auswirkungen auf die Gesundheit, wenn das Wasser zeitweise getrunken wird", erklärte ein Sprecher des japanischen Gesundheitsministeriums. "Trotzdem raten wir als Vorsichtsmaßnahme den Dorfbewohnern dazu, das Wasser nicht zu trinken." Medienberichten zufolge sollen die Einwohner nun mit Wasserflaschen versorgt werden.
Ständig aktuell: Das wetter.info-Video zeigt die mögliche Entwicklung der Temperaturen im japanischen Krisengebiet. zum Video
Bei Hitachi, 100 Kilometer südlich des Kraftwerks, wies Spinat einen Jod-131-Wert von 54.000 Becquerel und einen Cäsium-Wert von 1931 Becquerel je Kilogramm auf. Die Grenzwerte liegen in Japan bei 2000 Becquerel für Jod und bei 500 Becquerel für Cäsium. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt allerdings einen generellen Grenzwert von nur 100 Becquerel pro Kilo. Auch bei Milch aus der Umgebung von Fukushima wurde eine überhöhte Strahlenbelastung festgestellt. In der Präfektur Tokio und in weiteren Regionen wurde eine geringe Belastung des Trinkwassers mit radioaktivem Jod festgestellt.
Der Strahlenbiologe Edmund Lengfelder äußerte die Befürchtung, dass viele der in Fukushima seit Tagen arbeitenden Techniker einen akuten Strahlentod sterben könnten. "Zuerst wird es den Menschen übel und schwindlig", sagte er der "Frankfurter Rundschau". Dann würden "lebenswichtige Funktionen" zusammenbrechen. Lengfelder warnte zudem vor einer Verstrahlung im Pazifik.
Unterdessen befürchtet ein Experte, dass die Entsorgung der Reaktoren von Fukushima I bis zu zehn Jahre dauern könnte. Das berichtete die Zeitung "Asahi Shimbun" in ihrem Facebook-Profil und berief sich auf einen Informanten des AKW-Betreibers Tepco. Wegen radioaktiver Strahlung sei es sehr wahrscheinlich, dass die beschädigten Brennelemente in den Reaktordruckbehältern der Blöcke 1,2 und 3 nicht abmontiert werden könnten, sagte der Informant der Zeitung. Die Blöcke 5 und 6 hätten dagegen keinen großen Schaden davongetragen. Theoretisch könnten sie deswegen wieder in Betrieb genommen werden. "Mit Blick auf die Gefühle der Anwohner wäre es allerdings schwierig, den Betrieb wieder aufzunehmen. Die Entsorgung aller sechs Reaktoren ist daher unvermeidlich", wird der Tepco-Mitarbeiter zitiert.
Seit dem verheerenden Erdbeben und dem Tsunami kämpfen die Betreiber des AKW mit massiven Problemen. Mehreren Reaktoren droht ein Super-GAU. zum Video
Quelle: dapd , dpa , AFP
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