21.03.2011, 08:07 Uhr
Die japanische Regierung hat der Bevölkerung in der Präfektur Fukushima empfohlen, das dortige Leitungswasser nicht zu trinken. Die radioaktive Belastung könnte zu hoch sein. Zuvor waren bereits erhöhte Strahlungswerte im Leitungswasser von Tokio und anderen Regionen des Landes festgestellt worden.
Unterdessen hat die Internationale Atomenergiebehörde IAEA radioaktiv verseuchte Lebensmittel aus der Region um das Atomkraftwerk Fukushima 1 analysiert. Demnach liegen vor allem die Werte von radioaktivem Jod 131 in Milch und Blattgemüse teils weit über der für den Verzehr geeigneten Norm. Rund um das Atomkraftwerk Fukushima gäben die Werte in einigen Lebensmitteln momentan Anlass zu Besorgnis, sagte der IAEA-Experte Graham Andrew.
Der IAEA lagen Daten über mit Jod 131 belastete Milch vor, die mit 900 bis 1500 Becquerel pro Kilogramm weit über den japanischen Grenzwerten für den Verzehr lagen. Diese liegen bei 100 bis 300 Becquerel pro Kilogramm. Bei Frühlingszwiebeln lagen die Jod-131-Werte zwischen 110 und 6100 Becquerel pro Kilo, bei Spinat zwischen 8400 und 15.000 Becquerel pro Kilogramm. Während japanische Behörden den Grenzwert bei Blattgemüse bei 2000 Becquerel pro Kilo ansetzen, rät die Weltgesundheitsorganisation WHO zu einem generellen - weitaus geringeren - Grenzwert von 100 Becquerel pro Kilo.
In Einzelfällen lag die Belastung noch weitaus höher: Aus der Stadt Hitachi, mehr als 100 Kilometer südlich des Kernkraftwerks Fukushima, meldeten die Behörden nach Angaben der Nachrichtenagentur Kyodo den Rekordwert von 54.000 Bequerel bei einem Kilogramm Feld-Spinat. Die Regierung habe die lokalen Behörden aufgefordert, den Vertrieb von Produkten, bei denen die Strahlung die Normwerte übersteigt, zu stoppen.
Ständig aktuell: Das wetter.info-Video zeigt den möglichen Niederschlag, der Radioaktivität auf das Festland oder ins Meer tragen könnte, rund um Fukushima. zum Video
Welche Folgen der Verzehr solcher hoch belasteten Lebensmittel für den Menschen hat, wollten die IAEA-Experten nicht klar beantworten. "Ich glaube nicht, dass man solchen Spinat essen möchte", sagte Andrew. Nach Angaben des deutschen IAEA-Experten für Strahlenschutz, Gerhard Proehl, könne man die Werte in etwa auf alle Blattgemüse und auch Gras übertragen. Frisst beispielsweise eine Kuh radioaktiv verseuchtes Gras, übertragen sich die Werte auf ihr Fleisch. Radioaktives Jod zersetzt sich mit einer Halbwertszeit von etwa acht Tagen aber relativ schnell.
Japan prüfe nach Informationen der IAEA nun ein Verkaufsverbot von bestimmten Lebensmitteln aus der Region.
Unterdessen hat sich der lebensgefährliche Einsatz von Feuerwehrleuten und Technikern wohl gelohnt: Die Stromversorgung für zwei Blöcke des Atomkraftwerkes Fukushima steht angeblich wieder; die Reaktoren können mit Wasser versorgt werden und kühlen momentan ab. Zudem ist die Temperatur in allen Abklingbecken gesunken, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo. Auch am Block 2 gelang es, Stromkabel zu legen.
Sorge bereitete aber weiter die Kühlung des Blocks 3, wo die Brennstäbe aus hochgiftigen Plutonium-Uran-Mischoxiden sind. Gegen die mögliche Kernschmelze setzen die Helfer dort weiter vor allem auf Wasserwerfer. Rettungsmannschaften versprühten den ganzen Tag lang erneut Tonnen von Wasser, berichtete Kyodo. Nach Angaben von Verteidigungsminister Toshimi Kitazawa soll "rund um die Uhr" weiter gesprüht werden. Zwischenzeitlich sei der Druck im Reaktor gefährlich hoch gestiegen.
Die japanische Küstenwache hat dieses Video der beiden Riesenwellen veröffentlicht. Die Besatzung des Schiffs kam mit dem Schrecken davon. zum Video
Erneut waren Spezialfahrzeuge der Feuerwehr aus Tokio eingesetzt. Erschwert wurde der Kühlversuch durch die hohe Strahlung, die einen Aufenthalt bei den Reaktoren nur kurzzeitig erlaubte. "Das war eine sehr gefährliche und schwierige Aufgabe", sagte einer der beteiligten Feuerwehrmänner. "Überall lagen Trümmer herum. Den Mitgliedern des Teams war die Gefahr der Verstrahlung sehr bewusst."
Derweil hat der japanische Ministerpräsident Naoto Kan seinen für Montag geplanten Besuch in der Region nahe des havarierten Atomkraftwerkes Fukushima abgesagt. Grund seien die schlechten Wettervorhersagen, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo. Für die Region ist Regen angesagt. So werde es schwierig für Kans Helikopter, dort zu landen oder zu starten, sagte ein Regierungssprecher.
Kan hatte geplant, in der von der Naturkatastrophe schwer getroffenen Präfektur Mayagi mit Erdbebenopfern zu sprechen. Zudem wollte er das rund 20 Kilometer vom Atomkraftwerk Fukushima entfernte "J Village" besuchen. Auf diesem Sportplatz haben die Tokioter Feuerwehrleute ihr Lager für den Einsatz zum Kühlen der gefährdeten Reaktorblöcke eingerichtet.
Ständig aktuell: Das wetter.info-Video zeigt, wie sich radioaktive Partikel - sofern vorhanden - über den Wind verteilen könnten. zum Video
Bei den Rettungsarbeiten gab es am neunten Tag nach der Katastrophe auch gute Nachrichten. Einsatzkräfte bargen am Sonntag eine 80-jährige Frau und ihren 16 Jahre alten Enkel aus einem zerstörten Haus in der Stadt Ishinomaki. Großmutter Sumi Abe und Enkel Jin Abe wirkten geschwächt, hätten jedoch auf Fragen der Polizei reagiert. Der Jugendliche soll an Unterkühlung leiden.
Als die Erde bebte, seien sie in der Küche gewesen, berichtete der 16-Jährige Helfern im Krankenhaus. Seine Großmutter wurde unter schweren Möbelstücken eingeklemmt. Die beiden hätten sich dann von Joghurt und anderen Dingen, die in einem Kühlschrank lagen, ernährt. In den ersten Tagen hatte der Junge noch mit seiner Mutter telefonisch Kontakt. Erst am Sonntag gelang es ihm, sich aus den Trümmern des Hauses zu befreien und auf dem Dach nach Hilfe zu rufen. Ein Suchtrupp habe ihn schließlich entdeckt.
Ständig aktuell: Das wetter.info-Video zeigt die mögliche Entwicklung der Temperaturen im japanischen Krisengebiet. zum Video
Bei dem Erdbeben der Stärke 9 und dem nachfolgenden Tsunami seien mindestens rund 8400 Menschen gestorben, teilte die Polizei nach Angaben des Fernsehsenders NHK mit. 12.272 gelten offiziell als vermisst. Die Zahl der Toten und Verletzten könnte noch weiter steigen: Der Polizeichef in der schwer getroffenen Präfektur Miyagi vermutet, dass allein dort 15.000 Menschen ums Leben gekommen sind. Direkt betroffen sind mindestens 12 der 47 Präfekturen in Japan, berichtete die Zeitung "Asahi Shimbun" am Sonntag.
Die anhaltende Kälte machte den Menschen in den Katastrophengebieten weiter zu schaffen. Vor allem die vielen Alten in den Flüchtlingslagern sind erschöpft. Zwar treffen allmählich Hilfsgüter ein und die Reparaturarbeiten, etwa an Gas- und Wasserleitungen, laufen. Doch oft mangelt es noch an ausreichend Heizöl und Öfen. Vielerorts fehlen Lebensmitteln, meldete die Fernsehsender NHK. Nach unterschiedlichen Angaben sind 360.000 bis 400.000 Menschen in Notunterkünften untergebracht.
Unterdessen sind Bergungsspezialisten des Technischen Hilfswerks aus Japan zurückgekjehrt. Die 41 Frauen und Männer landeten am Samstagabend auf dem Flughafen Frankfurt. Mit an Bord waren 20 weitere Menschen aus sechs Ländern, darunter fünf Deutsche. Sie wurden in Frankfurt von Seelsorgern betreut.
Quelle: dpa
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