20.03.2011, 16:45 Uhr
Atomkatastrophe in Japan: Fukushima I hängt zwar wieder am Stromnetz, die reguläre Kühlung funktioniert aber noch nicht. Deswegen muss der Reaktor weiter bespritzt werden (Fofo: AFP)
Der besonders bedrohte Reaktor 2 im havarierten japanischen Atomkraftwerk Fukushima I ist erfolgreich ans Stromnetz angeschlossen worden. Nach Angaben des Betreibers Tepco konnten die regulären Kühlsysteme jedoch noch nicht wie geplant wieder in Betrieb genommen werden. Während die Lage in den Notunterkünften des Landes angespannt bleibt, versprach die Regierung nach dem Fund verstrahlter Lebensmittel stärkere Kontrollen.
Ein Tepco-Sprecher sagte, nach dem Anschluss des Reaktors 2 an das Stromnetz müsse aus Sicherheitsgründen zunächst geprüft werden, inwiefern das Kühlsystem und andere Anlagen funktionsfähig seien. Wann die Tests abgeschlossen werden können, ist unklar.
Unterdessen wurde auch Reaktorblock 5 wieder an das externe Stromnetz angeschlossen. Das Kühlsystem des Reaktorblocks wurde zuvor mit Notgeneratoren betrieben.
Tepco hatte am Freitag eine neue Stromleitung zu dem Meiler verlegt, um zunächst den Reaktor 2 und später auch den Reaktor 1 wieder an das Stromnetz anschließen zu können. Durch das Erdbeben und den Tsunami war dort die Notstromversorgung zerstört worden. Regierungssprecher Yukio Edano kündigte an, dass das Kraftwerk Fukushima I nie wieder in den regulären Betrieb gehen soll.
Neun Tage nach dem Erdbeben und dem Tsunami in Japan haben Rettungskräfte eine 80 Jahre alte Frau und ihren 16-jährigen Enkel geborgen. zum Video
Indes setzten Ingenieure, Soldaten und Feuerwehrleute ihre Bemühungen fort, die vier überhitzten Reaktorblöcke 1 bis 4 notdürftig mit Meerwasser zu kühlen. Nach Angaben von Verteidigungsminister Toshimi Kitazawa sollen die Reaktoren fortan "rund um die Uhr" besprüht werden. Am Reaktor 3 wurden bei einem neuen Kühleinsatz Spezialfahrzeuge der Feuerwehr aus Tokio eingesetzt. Die Armee kühlte Reaktor 4 mit Hochdruck-Wasserschläuchen. Erschwert wurde der Einsatz durch die hohe Strahlung, die einen Aufenthalt bei den Reaktoren nur kurzzeitig erlaubte. Am Sonntag wollte die Atomaufsicht erneut den Druck in den Reaktoren prüfen.
Der Betreiber des Atomkomplexes Fukushima gab inzwischen bekannt, dass zwei von sechs Abklingbecken für verbrauchte Brennelemente in dem Kernkraftwerk wieder unter Kontrolle seien. Die Betreiberfirma Tepco erklärte, in den Blöcken 5 und 6 sei die Temperatur durch permanentes Einpumpen von Wasser soweit gesunken, dass die Becken nun wieder sicher seien. Dies bedeute einen kleinen Erfolg im Kampf um die Verhinderung einer Kernschmelze in dem Atomkomplex im Nordosten Japans, hieß es. Allerdings seien die Blöcke 5 und 6 ohnehin die am wenigsten problematischen der insgesamt sechs Reaktorblöcke.
Ständig aktuell: Das wetter.info-Video zeigt den möglichen Niederschlag, der Radioaktivität auf das Festland oder ins Meer tragen könnte, rund um Fukushima. zum Video
Radioaktive Strahlung - ab welcher Dosis wird es gefährlich? (Grafik: dpa)Radioaktivität in Essen und WasserIn den Präfekturen Fukushima und Ibaraki nahe der Atomanlage wurden nach Edanos Angaben in Milch und Spinat erhöhte Radioaktivitätswerte gemessen. Gesundheitsschädlich seien sie aber nicht. Nach Regierungsangaben wurde im Trinkwasser von Tokio und anderen Städten eine ungewöhnlich hohe, wenn auch unbedenkliche Konzentration von radioaktivem Jod gefunden. In Taiwan entdeckten die Behörden radioaktiv belastete Bohnen aus dem Süden Japans. Die japanische Regierung wies die örtlichen Behörden an, Nahrungsmittel verstärkt auf Strahlung zu prüfen.
Derweil wird allmählich deutlich, dass in Japan offensichtlich mehr Agrarprodukte radioaktiv verseucht sind als bisher bekannt. Das Gesundheitsministerium teilte mit, Tests hätten ergeben, dass die Strahlenbelastung vermutlich weiter reiche als bisher angenommen. Der Sprecher des Ministeriums sagte, Messungen bei Raps hätten "bedeutende Dosen an Strahlung" ergeben. Die Proben stammten aus Regionen, die bislang mit erhöhter Radioaktivität nicht in Zusammenhang gebracht worden seien.
Für die rund 400.000 Menschen, die seit dem Unglück in Notunterkünften leben, verbesserte sich die Lage durch leicht steigende Temperaturen nach einer Kältewelle etwas. In den besonders stark betroffenen Präfekturen Miyagi und Iwate wurden tagsüber zehn Grad Celsius gemessen, doch nachts ist es nach wie vor empfindlich kalt. Zudem wurden für Sonntag erneut Regen und Schnee angesagt. Angesichts der Sorge vor radioaktivem Niederschlag in der Bevölkerung sagte Vizekabinettschef Tetsuro Fukuyama, Regen und Schnee bedeuten "keinerlei Schaden für die Gesundheit".
Neun Tage nach dem Erdbeben haben die Behörden inzwischen 8133 Todesopfer gezählt, 12.272 Menschen werden noch vermisst. Die Chance, jetzt noch Überlebende zu finden, gilt als sehr gering. Dennoch konnten Retter am Sonntag zwei Menschen lebend bergen. Eine 80 Jahre alte Frau und ein 16-Jähriger seien in der zerstörten Stadt Ishinomaki aus Trümmern gerettet worden, teilte die Polizei mit. Am Samstag erschütterte Behördenangaben zufolge ein Nachbeben der Stärke 6,1 die Region Ibaraki südlich von Fukushima. Schäden wurden nicht gemeldet.
Die japanische Küstenwache hat dieses Video der beiden Riesenwellen veröffentlicht. Die Besatzung des Schiffs kam mit dem Schrecken davon. zum Video
Quelle: AFP , dapd
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