03.08.2011, 16:22 Uhr
Beim Absturz der Air France Maschine auf dem Flug von Rio nach Paris starben am 1. Juni 2009 228 Menschen (Foto: dpa)
Der Absturz eines Air-France-Airbus auf dem Flug von Rio nach Paris mit 228 Menschen an Bord gehört zu den rätselhaftesten Luftfahrtunglücken der vergangenen Jahrzehnte. Er könnte eine Bedeutung bekommen, die weit über den Einzelfall hinausweist - nicht nur wegen der technischen Seite des Dramas vom 1. Juni 2009. Denn die Ermittler der französischen Flugunfall-Untersuchungsbehörde BEA stehen im Kreuzfeuer der Kritik wie selten zuvor eine Behörde bei einem derartigen Unglück.
Zunächst hatte ihre Entscheidung zur Suche in einem Gebiet weitab der Flugroute die Kritik heraufbeschworen - das Wrack und seine Flugdatenschreiber wurden erst knapp zwei Jahre später gefunden und teilweise geborgen. Nun sind es Ungereimtheiten im jüngsten BEA-Bericht, die zur offenen Vertrauenskrise zwischen der Behörde und Piloten sowie Angehörigen der Opfer von Flug AF 447 führten. Die BEA hatte in ihrem Bericht am Freitag eine Reihe von Pilotenfehlern für den Absturz verantwortlich gemacht.
War es nur Ungeschicklichkeit oder Absicht in einer Gemengelage aus hohem Erwartungsdruck und handfesten wirtschaftlichen Interessen, wie es die Angehörigen vermuten? Tatsache ist, dass die Behörde offenbar bewusst eine wichtige Passage mit einer Sicherheitsempfehlung aus ihrem Zwischenbericht gestrichen hat, den sie vergangenen Freitag einer erwartungsvollen Öffentlichkeit präsentierte. Das Ganze wurde bekannt, weil nur vier Tage zuvor den Luftfahrtexperten der Wirtschaftsblätter "La Tribune" und "Les Echos" ein vertraulicher Entwurf des Berichts zugespielt worden war.
In diesem Entwurf war ein Kapitel dem verwirrenden Verhalten der sogenannten Überzieh-Warnung ("stall warning") gewidmet. Sie gibt akustisch Alarm, wenn das Flugzeug zu langsam zum Fliegen wird und damit der Absturz droht. "Stall! Stall! Stall!" ertönt dann eine durchdringende Stimme im Cockpit. Piloten wird schon bei ihrer elementaren Grundausbildung beigebracht, die Bedeutung dieses Alarms überaus ernst zu nehmen. Doch die Cockpit-Crew des verhängnisvollen Fluges AF 447 reagierte überhaupt nicht auf die 54-sekündige Warnung zu Beginn des rund vierminütigen Sinkfluges in den Tod.
Kurz vor dem Unglück über dem Atlantik hatte die Überzieh-Warnung eine knappe Minute lang akustischen Alarm gegeben. Anders als zu erwarten schwieg die Warnung jedoch, sobald eine bestimmte Geschwindigkeit unterschritten wurde - also, als das Flugzeug längst nicht mehr flog, sondern nur noch durchsackte. Später dann schaltete sie sich mehrmals kurz wieder ein.
BEA-Chef Jean-Paul Troadec gab vergangene Woche bei der Vorlage des Interims-Berichts seiner Behörde zu, dass das verwirrende An- und Ausschalten der Überzieh-Warnung die Piloten in der Tat irritiert haben könnte. Auch Air France hatte auf das verwirrende Verhalten der Überzieh-Warnung hingewiesen.
In dem Entwurf der BEA hatte es nach Angaben der beiden Wirtschaftsblätter geheißen: "Die BEA empfiehlt, dass die (europäische Luftfahrtbehörde) EASA sicherstellt, dass das Funktionieren der Überzieh-Warnung im Fluge nicht durch beeinträchtigte Geschwindigkeitsanzeigen infrage gestellt wird." Denn möglicherweise ist das Phänomen verbreiteter als bisher angenommen. Die Zeitung "Le Parisien" berichtete unter Hinweis auf den Sicherheitspiloten einer ungenannten Airline, dass einige Airbus-Piloten in der Praxis kaum noch die Überzieh-Warnung beachteten.
Der Grund: Eine Anzeige auf dem Cockpit-Bildschirm weise auf das Risiko einer überreagierenden Warnung hin. "Das ist so, als ob man 'Achtung!' sagt und zugleich erklärt: 'Achten Sie nicht auf die Person, die Achtung sagt!', erklärte der ungenannte Pilot dem Blatt.
Die Hinterbliebenen der Opfer halten die Untersuchung in einer ersten Reaktion für diskreditiert. Die Vereinigung "Entraide et Solidarité AF447" sprach von einer "Vertrauenskrise". Die Hast, mit der die Behörde die Piloten des Unglück-Airbus als Schuldige an dem Absturz porträtieren wolle, habe Skepsis aufkommen lassen. Auch lasse der Bericht technische Probleme außen vor.
Ähnlich äußerte sich auch die französische Pilotengewerkschaft SNPL. Sie hat mittlerweile ihre Mitarbeit an der Untersuchung aufgekündigt. Das Vertrauen in die BEA sei "ernsthaft erschüttert", teilte die größte Pilotengewerkschaft mit. Nun stelle sich die Frage, ob auch andere wichtige Punkte geändert worden seien, bemerkte die SNPL.
Ursprünglich arbeitete die Gewerkschaft zusammen mit dem Flugzeugbauer Airbus und der Fluggesellschaft Air France an der Untersuchung.
Quelle: AFP , dpa
dilledapp schrieb:
am 3. August 2011 um 20:25:48
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Airbus
Wenns ums Geld geht wird gelogen. Das war schon immer so. Allen blieb noch unvergeßlich, als ein Airbus A320 bei einer Flugschau in
Habsheim im Elsass in den Wald stürzte. Der Pilot wollte sicherlich nicht dahin. Der Computer hat halt angeordnet, wir landen jetzt. Nicht anders ist es passiert. Auch hier hat man den Piloten über die Klinge springen lassen. Ich fliege ungern mit Airbus.
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Peter schrieb:
am 3. August 2011 um 19:46:59
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Vorbildlich ist der NTSB Bericht zum 767 Absturz von Egypt-Air
Den amtlichen Originalbericht, hoffentlich in Englisch, zu AF447 muss ich erst
noch lesen. Aber: Vorbildlich ist der Bericht der NTSB (amerik.) zum Asturz einer 767 von Egypt-Air in den Nordatlantik: Da werden die einzelnen Alternativen, technische und nicht-technische klar angesprochen. Dann wird nachvollziehbar erläutert warum die Alternative es nicht ist. Bei AF447 ist wichtig: War die "Schwanzflosse" beim Aufprall noch am Flugzeug? Was sagt der Bericht dazu.
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Techniker schrieb:
am 3. August 2011 um 18:35:15
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JoeAlex schrieb:
"Ich wäre nicht überrascht, wenn die BEA von Herrn Sarkozy explizite Anregungen bekommen hat, zu welchem Ergebnis man
bei der Untersuchung kommen sollte." - "Ergebnisoffene Berichte", bei denen das Ergebnis schon vorher feststeht, haben zusätzlich den Vorteil, dass sie billiger und viel einfacher zu erstellen sind ...
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