01.08.2011, 11:59 Uhr | von Fabrice Förster, t-online.de
Eine Familie füllt in Kenia Wasser an einem Brunnen ab (Foto: dpa)
6.973.762.000. Verkürzt 6,97 Milliarden. Hinter dieser riesigen Zahl verbirgt sich die Anzahl Menschen, die laut der "Stiftung Weltbevölkerung" am 11. Juli, dem Weltbevölkerungstag der Vereinten Nationen (UN), auf der Erde lebten. Am 31. Oktober wird die Marke von sieben Milliarden geknackt sein. 2050 werden es nach Prognosen der UN 9,3 Milliarden Menschen sein - und mit ihnen werden Probleme wie Hunger und Ressourcenknappheit steigen.
Schon jetzt zeigt sich am Horn von Afrika, wie akut Versorgungsengpässe bereits sind. Durch rasantes Wachstum und den Klimawandel werden die Probleme weiter verschärft. Die internationale Staatengemeinschaft bemüht sich um Hilfe, bekommt die Lage aber vielerorts nicht in den Griff. Das liegt in Somalia aber nicht nur an mangelnder Hilfe von außen, sondern auch an Problemen im Innern. So entzog die radikal islamische Al-Shabab-Miliz in Südsomalia den Hilfskräften der UN die Erlaubnis, Hilfsgüter zu liefern. Man verschließt sich hinter einem ideologischen Wall vor der Krise. "Es ist besser zu verhungern, als Hilfe vom Westen anzunehmen", lautet das Kredo der Miliz.
Das rapide Bevölkerungswachstum ist ein Kind der Moderne. Um 1600 lebten weltweit etwa 500 Millionen Menschen, so viel wie heute allein in der Europäischen Union ansässig sind. Die erste Milliarde wurde den UN zufolge 1804 erreicht. Im Zuge der Industriellen Revolution und den einhergehenden Errungenschaften der Neuzeit stieg die Weltbevölkerung rasant an.
1927 waren es zwei Milliarden, 33 Jahre später bereits drei. 1999 wurde die Sechs-Milliarden-Marke überschritten. Damit hat sich die Menschenpopulation im 20. Jahrhundert nahezu vervierfacht.
Laut der "Stiftung Weltbevölkerung" findet das Bevölkerungswachstum fast ausschließlich in den Entwicklungsländern statt. Bis 2050 werde die Zahl dort von 5,7 Milliarden auf knapp acht Milliarden Menschen ansteigen.
In den Industrienationen ist das Wachstum nur marginal. Nur 70 Millionen Menschen kommen nach der Prognose hinzu. Die Bevölkerungszahl in Deutschland sinkt sogar um sieben Millionen auf 75 Millionen Einwohner.
"Ein erheblicher Teil des Bevölkerungswachstums in Entwicklungsländern geht auf ungewollte Schwangerschaften zurück", sagte Renate Bähr, Geschäftsführerin der "Stiftung Weltbevölkerung".
"Allein in Entwicklungsländern werden jedes Jahr 75 Millionen Frauen ungewollt schwanger, vor allem weil sie nicht verhüten können." Familienplanung spiele daher eine Schlüsselrolle, um das rasante Bevölkerungswachstum zu verlangsamen und dadurch "die Armutsbekämpfung ein gutes Stück voranzubringen".
Den Geberländern aber auch den Entwicklungsländern müsse klar werden, "dass sie dringend handeln müssen", so Bähr.
Ein weiteres Problem ist zudem die Versorgung der immer größer werdenden Weltbevölkerung mit Ressourcen - allen voran Wasser. "Wasser ist das elementarste Gut für das Überleben des Menschen. Ohne Wasser keine Nahrung, ohne Wasser kein Leben", fasste es die Präsidentin der Welthungerhilfe, Bärbel Dieckmann, in einer Rede zum Jahresbericht 2010 zusammen.
Im vergangenen Jahrhundert habe sich der Wasserverbrauch versechsfacht. Nach UN-Angaben werden bis 2025 drei Milliarden Menschen unter Wasserknappheit leiden. "Besonders in Sub-Sahara-Afrika ist die Landwirtschaft stark abhängig von der saisonalen Verfügbarkeit von Wasser," sagte Dieckmann.
Der Anteil der Landflächen mit extremer Trockenheit steigt dem Weltklimarat zufolge bis 2100 von heute drei auf 30 Prozent. "Damit wäre fast ein Drittel der globalen Landfläche nicht mehr für die Landwirtschaft nutzbar", sagte Dieckmann.
Um die Probleme von Hunger und Armut in den Griff zu bekommen, muss "Regionalentwicklung gefördert werden", sagte Diana Hummel, Wissenschaftlerin am Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE), gegenüber t-online.de.
Dazu müssten Subventionen westlicher Industrienationen auf den Prüfstand. "Agrarsubventionen haben ganz starke Auswirkungen auf die lokalen Märkte", sagte Hummel. In Westafrika könne beispielsweise keine örtliche Agrarwirtschaft entstehen, da die Bauern in der Region nicht mit bezuschussten europäischen Produkten konkurrieren könnten.
"Auch die Änderung der Konsumstile spielt eine wichtige Rolle in der Nahrungssicherung", sagte die Wissenschaftlerin. Je mehr Fleisch und Milchprodukte konsumiert würden, desto weniger Getreide stehe für die Bevölkerung zur Verfügung, da landwirtschaftliche Erzeugnisse vor allem durch Nutztiere gefressen werden.
Ebenfalls müsse vor Ort an der Wasserversorgung gearbeitet werden. Vor allem in den ländlichen Regionen von Sub-Sahara-Afrika fehlt es an einer adäquaten Infrastruktur.
Um die Wasserversorgung zu gewährleisten, müsse vielmehr "Regenwasser aufgefangen und Brauchwasser wiederaufbereitet werden", sagte Hummel. Doch um solche Vorhaben nachhaltig zu verwirklichen, müssen Gelder von der internationalen Gemeinschaft bereit gestellt werden.
Die Bundesregierung hat bereits ihre Entwicklungshilfe auf 80 Millionen Euro über die nächsten fünf Jahre verdoppelt. Dennoch müsse die Politik mehr handeln und es nicht bei "programmatischen Diskussionen belassen“, bemängelte Hummel. "Dem Bereich Entwicklungszusammenarbeit muss eine viel größere Bedeutung zukommen."
Stünden mehr Mittel zur Familienplanung zur Verfügung, könnte sich laut Ute Stallmeister von der "Stiftung Weltbevölkerung", die Weltbevölkerung bis 2100 auf ein Niveau von zehn Milliarden Menschen einpendeln.
Die neu bewilligten Gelder der Regierung seien ein erster Schritt, werden aber nicht reichen, um Armut und Hunger nachhaltig bekämpfen zu können, sagte Stallmeister.
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Quelle: t-online.de
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