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Personal der US-Botschaft inszenierte Sexspiele
04.09.2009, 09:55 Uhr | Von Britta Sandberg, Spiegel Online
Mitarbeiter des privaten Sicherheitsdienst wurden von ihren Vorgesetzten genötigt, sich gegenseitig die Brustwarzen abzulecken (Foto: Project on Government Oversight)
Schmuddel-Fotos aus einer Unterkunft für Wachpersonal in Kabul bringen die US-Regierung in Bedrängnis: Auf den Bildern ist zu sehen, wie Mitarbeiter einer privaten Sicherheitsfirma sexuelle Handlungen nachstellen. Teilnehmer berichten, sie seien dazu gezwungen worden.
Zwölf Fotos sind es, und was auf ihnen zu sehen ist, wirkt wie ein böses Déjà-vu. Fotos, die erneut die Entgleisungen einer zivilisierten Gesellschaft unter Kriegsbedingungen dokumentieren, wie damals in Abu Ghuraib. Fotos, von denen man dachte, dass sie so nicht mehr möglich seien. Nicht in Afghanistan, nicht im Irak.
Wodka aus der Po-Ritze
Die Aufnahmen stammen aus dem Camp Sullivan, der Unterkunft für das Wachpersonal der US-Botschaft in Kabul, nur wenige Meilen vom Botschaftskomplex entfernt. Auf ihnen zu sehen sind nackte Männer, Angehörige des Wachpersonals, das Geschlecht meist nur knapp mit einer Art schwarzem Bierdeckel bedeckt. Die Männer trinken, tanzen nackt am Feuer, lecken sich gegenseitig an den Brustwarzen und fassen sich an die Hoden. Sie täuschen Geschlechtsakte vor und lassen Wodka über den nackten Rücken laufen, um ihn dann aus der Po-Ritze zu trinken.
Von Vorgesetzten gezwungen
Die meisten der Männer haben all das offenbar nicht freiwillig gemacht, sie wurden von ihren Vorgesetzten zu den erniedrigenden Sexspielen gezwungen. Die fanden das lustig und schauten zu. Das sagten nun Wachleute aus, die sich bei der Nicht-Regierungsorganisation "The Project on Government Oversight" (Pogo) in Washington über die Schikanen und die Behandlung seitens ihrer Vorgesetzten beschwerten - anonym, weil sie alle Angst vor Repressalien haben. Denn wer sich weigerte, an den Schmuddelpartys teilzunehmen, erzählen sie, sei ausgelacht, verhöhnt oder gar gefeuert worden. Die, die mitmachten, habe die Führung des Wachpersonals mit besseren Schichtdiensten und Beförderungen belohnt.
Vertrag trotz Beschwerden verlängert
Die Sicherung der US-Botschaft in Kabul hat das amerikanische Außenministerium einer Privatfirma übertragen, dem Unternehmen "ArmorGroup North America". Schon seit Jahren ist die Firma für den Schutz der knapp tausend US-Diplomaten, ihrer Mitarbeiter und der afghanischen Botschaftsangestellten zuständig. 180 Millionen Dollar erhält sie jährlich dafür, und trotz Beschwerden über die mangelnde Zuverlässigkeit der "ArmorGroup"-Truppe in der Vergangenheit erneuerte das State Department den Vertrag zuletzt wieder im Juli dieses Jahres. Bisher hat sich das Unternehmen, das zu dem US-Sicherheitskonzern Wackenhut gehört, noch nicht zu den Vorwürfen geäußert.
Brief bei Clinton
Seit Mittwoch nun liegt Außenministerin
Hillary Clinton ein zehnseitiger Brief vor, in dem die Vorgänge im Camp Sullivan und der Botschaft ausführlich geschildert werden, abgeschickt wurde er von der Organisation Pogo, bei der die anonymen Beschwerden eingingen. Pogo veröffentlichte auch die zwölf Fotos.
"Wachen eine Bedrohung für die Sicherheit"
"Nach zahlreichen Interviews mit Augenzeugen und nach Einsicht von Dokumenten, Fotos, Videos und E-Mails", heißt es in dem Brief an Clinton, "glauben wir, dass das Management der Wachen mittlerweile eine Bedrohung für die Sicherheit der Botschaft und ihres Personals darstellt und im übrigen auch unsere diplomatische Mission in Afghanistan gefährdet".
Mehr als ein Dutzend beschwerte sich
Insgesamt 450 Wachleute sind für die Botschaft eingeteilt, sie alle leben im nahen Camp Sullivan, in dem auch die Sexpartys stattfanden. Mehr als ein Dutzend von ihnen hatte sich bei Pogo über das Verhalten ihrer Vorgesetzten beschwert, ein Wachmann gab dem amerikanischen Fernsehsender ABC anonym ein Telefoninterview.
Keine Einzelfälle?
Es handele sich nicht um Einzelfälle, heißt es in dem Brief an Clinton: "Diese Ereignisse fanden über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren statt und wurden von der Führung auf Kosten zahlreicher Wachleute ignoriert." Das Erzwingen der "unzüchtigen Handlungen" habe nahezu im Wochenrhythmus stattgefunden. Ein Wachmann, der noch heute an der Kabuler Botschaft im Einsatz ist, habe in einer E-Mail von Wachen und Vorgesetzten berichtet, die "auf Leute pissen und Kartoffelchips aus deren Po-Ritze essen". Von diesem Vorfall soll es Videoaufnahmen geben.
Afghane belästigt
Ein Afghane, der in der Kantine von Camp Sullivan tätig ist, erklärte schriftlich, ein Aufseher der Wachleute hätte ihn im August dieses Jahres angefasst und gesagt: "You are very good for fucking." Der Mann sei nur mit einer Unterhose bekleidet gewesen und habe eine Flasche in der Hand gehalten, genau wie vier weitere neben ihm. Er selbst habe zu viel Angst gehabt, sich zu wehren.
Vertrauen erschüttert
Alle Zeugen berichten, dass der ArmorGroup-Führung in Kabul diese Vorgänge seit langem bekannt gewesen seien. Nie sei etwas dagegen unternommen worden. Insgesamt 30 Aufseher und Wachen sollen zu den Sexpartys aufgefordert haben. Das Vertrauen der Wachen in ihre Vorgesetzten sei erschüttert, das jetzige Klima von Angst und Drohungen geprägt.
"Cowboy-Mission" nach Kabul
Auch Prostituierte sollen in das Camp Sullivan gebracht worden sein. Außerdem hätten einige Angehörige der Einheit im vergangenen Mai eine Art "Cowboy-Mission" nach Kabul unternommen, sich mit Tuniken und Schals als Afghanen verkleidet und sich mit Waffen und Nachtsichtgeräten ausgestattet in leerstehenden Gebäuden der Stadt herumgetrieben. "Die waren wie im Wahn", gab einer der Zeugen zu Protokoll.
Außenministerium nimmt Vorwürfe ernst
Das US-Außenministerium ließ jetzt erklären, man nehme die Vorwürfe sehr ernst und werde null Toleranz für diese Art von Verhalten zeigen, sollten sich die Anschuldigungen bestätigen. "Der Generalinspekteur des State Department hat inzwischen mit uns Kontakt aufgenommen", sagte die Sprecherin der Organisation Pogo, Marthena Cowart, Spiegel Online, "wir freuen uns jetzt darauf, mit ihm zusammenzuarbeiten und unsere Untersuchungen fortzusetzen." Nach der Blackwater-Affäre im Irak (Mitarbeiter der privaten amerikanischen Sicherheitsfirma hatten im September 2007 in Bagdad 17 Zivilisten getötet und 24 schwer verletzt), wäre die ArmorGroup ein weiteres im Krieg gegen den Terror eingesetztes Privatunternehmen, das die US-Regierung nun in große Schwierigkeiten bringen könnte.
68.200 private Vertragspartner
Die Nicht-Regierungsorganisation Pogo empfiehlt in ihrem Schreiben an Ministerin Clinton, die privaten Wachen umgehend durch US-Militärpersonal austauschen zu lassen. Zum Zeitpunkt der wochenlangen Recherche, die die Organisation nach Meldung der ersten Beschwerden durchführte, seien in Afghanistan 52.300 Militärangehörige und 68.200 private Vertragspartner der US-Regierung im Einsatz gewesen. "Das ist der höchste Anteil von Mitarbeitern von Privatfirmen, die je vom US-Verteidigungsministerium in einem bewaffneten Konflikt eingesetzt wurden", so Pogo. Es sieht so aus, als ob es einige zu viel gewesen seien, zumindest im Camp Sullivan.
Von Britta Sandberg, Spiegel Online