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Afghanistan: NATO-General schlägt Alarm und fordert mehr Truppen

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NATO-General schlägt Alarm und fordert mehr Truppen

07.10.2009, 11:34 Uhr | Von Can Merey, dpa

US-General Stanley McChrystal fordert mehr Soldaten für Afghanistan (Foto: dpa) US-General Stanley McChrystal fordert mehr Soldaten für Afghanistan (Foto: dpa)

Noch nie hat ein Kommandeur der Internationalen Schutztruppe ISAF ein so düsteres Bild der Situation in Afghanistan gezeichnet: Nach der Lageeinschätzung von US-General Stanley McChrystal droht ein Scheitern des Einsatzes am Hindukusch. Um diese Katastrophe abzuwenden, so argumentiert McChrystal in dem 65seitigen Bericht, benötigt die ISAF nicht nur eine neue Strategie, sondern zu deren Umsetzung auch mehr Soldaten. In der NATO geht man davon aus, dass Deutschland als drittgrößter Truppensteller nach der Bundestagswahl bei dem heiklen Thema in die Pflicht genommen wird.

US-Medien haben am Montag den Bericht in weiten Teilen veröffentlicht.

Schönfärberei angeprangert

Der Tenor der Aussagen von McChrystals Vorgängern lautete stets, die ISAF sei auf dem richtigen Wege. Landeskenner taten dies bereits vor langer Zeit als Schönfärberei ab. Seit acht Jahren werden die internationalen Truppen regelmäßig verstärkt. Rund 100.000 ausländische Soldaten sind derzeit im Land. Doch die Rechnung ging nicht auf: Die Aufständischen haben mitgehalten und sind ihrerseits so stark wie nie seit dem Sturz des Taliban-Regimes Ende 2001.

Warnung vor Niederlage

MyChrystal beschönigt nun nichts mehr, sondern schlägt Alarm. Etliche Male warnt er in seinem Lagebericht vor einer Niederlage in dem für die NATO bislang beispiellosen Einsatz. "Dies ist eine wichtige - und wahrscheinlich entscheidende - Phase in diesem Krieg", schreibt der US-General. Die Afghanen seien angesichts des Ausbleibens des erwarteten Fortschritts frustriert. "Geduld ist verständlicherweise knapp, sowohl in Afghanistan als auch in unseren eigenen Ländern." Es gelte, jetzt zu handeln.

Kommandant befürchtet noch mehr Opfer

Wie sehr sich die Lage verschlechtert hat, zeigen Statistiken der ISAF. Die Gewalt am Hindukusch hat ein seit Beginn des Einsatzes nie dagewesenes Ausmaß erreicht. Verglichen mit dem Vorjahreszeitraum haben Angriffe der Aufständischen im ersten Halbjahr 2009 um 71 Prozent zugenommen. Die Zahl der Sprengfallen - laut ISAF der "Killer Nummer eins für Truppen und Zivilisten" - stieg um 84 Prozent. 47 Prozent mehr Angehörige der afghanischen Sicherheitskräfte wurden getötet, die ausländischen Truppen verzeichneten ein Drittel mehr Opfer. Und McChrystal warnt: "Es ist realistisch zu erwarten, dass afghanische und Koalitionsopfer zunehmen werden, bis die afghanische Regierung und die ISAF die Initiative zurückgewonnen haben."

Weg von konventioneller Kriegsführung

Wesentlich für einen Erfolg ist nach Einschätzung McChrystals, dass die Schutztruppe von konventioneller Kriegsführung abkommt. "Die ISAF wird ihre Operationskultur ändern, um einen Ansatz der Aufstandsbekämpfung zu entwickeln, der die Afghanen an erste Stelle setzt. Während sich der Aufstand leisten kann, Kämpfer und Anführer zu verlieren, kann er sich nicht leisten, die Kontrolle über die Bevölkerung zu verlieren." Die ISAF sei bislang zu sehr mit dem Schutz der eigenen Soldaten beschäftigt gewesen. "Wir haben in einer Art und Weise operiert, die uns - physisch und psychologisch - von den Menschen entfernt hat, die wir beschützen wollen. Die Afghanen haben dafür den Preis gezahlt, und die Mission ist gefährdet worden."

Raus aus den Panzern, hin zu den Menschen

Die Soldaten müssten so viel Zeit wie möglich mit den Menschen und so wenig Zeit wie möglich in Panzerfahrzeugen oder in Militärstützpunkten verbringen, schreibt McChrystal. "Die ISAF kann von unbewaffneten Afghanen nicht erwarten, dass sie sich sicher fühlen, bevor es nicht schwerbewaffnete ISAF-Truppen tun. Die ISAF kann keinen Erfolg haben, wenn sie nicht bereit ist, zumindest das gleiche Risiko wie die Menschen zu tragen." McChrystal fordert außerdem, den Aufbau der afghanischen Sicherheitskräfte schneller und auf ein höheres Niveau als derzeit geplant voranzutreiben.

Regierung verspielt Vertrauen

Mit der Regierung in Kabul geht der General hart ins Gericht. Sie sei "nicht in der Lage gewesen, den Menschen ausreichend Sicherheit, Gerechtigkeit und Grundversorgung zu bieten". Machtmissbrauch und Korruption hätten zu Vertrauensverlust im Volk geführt. Die ISAF werde als mitschuldig an der Lage wahrgenommen. McChrystals Schlussfolgerung dürfte den Machthabern in Kabul nicht gefallen: "Die Bevölkerung zu schützen ist mehr, als Gewalt und Einschüchterung durch die Aufständischen zu verhindern", schreibt er. "Es bedeutet auch, dass die ISAF Machtmissbrauch, Korruption oder Marginalisierung nicht mehr länger ignorieren oder stillschweigend akzeptieren kann."

Trendwende muss schnell kommen

Erfolg werde weder leicht noch schnell erreicht werden, schreibt McChrystal. Zugleich lässt der amerikanische General aber keinen Zweifel daran, dass die Zeit für die NATO ausläuft. In den nächsten zwölf Monaten müsse eine Trendwende erreicht werden, warnt er. Ansonsten könne es zu einem Szenario kommen, "in dem es nicht länger möglich sein wird, den Aufstand zu besiegen".


Von Can Merey, dpa  

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