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Afghanistan-Einsatz: Deutsche lehnen Kampfeinsätze der Bundeswehr ab

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"Die Umerziehung hat gewirkt"

10.02.2008, 12:56 Uhr

Von Christian Kreutzer 

Musterung im Kreiswehrersatzamt Magdeburg (Quelle: dpa) Musterung im Kreiswehrersatzamt Magdeburg (Quelle: dpa)Winfried Nachtwei gehört zum Urgestein der deutschen Friedensbewegung. Der verteidigungspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag gilt als intimer Kenner Afghanistans und unterstützt den Friedenseinsatz der Bundeswehr. Die Tatsache aber, dass seine Landsleute deutsche Kampfeinsätze mit großer Mehrheit ablehnen, macht den früheren Lehrer froh. Die Deutschen, sagt er, seien „Gott sei Dank“ kein kriegerisches Volk mehr.

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86 Prozent gegen den Kampfeinsatz

Die Umfragen scheinen ihm Recht zu geben: Während mehrere NATO-Verbündete die Ausweitung des deutschen Afghanistan-Einsatzes fordern, steckt der hierzulande in einer Zustimmungskrise: 86 Prozent der Deutschen lehnen Kampfeinsätze der Bundeswehr laut einer Umfrage der ARD von vornherein ab. 55 Prozent würden die Truppe am liebsten gleich nach Hause holen.

Widerspruch zur internationalen Bedeutung

Dabei deckt sich die Unlust der Deutschen, Krisen wo nötig auch mit Waffengewalt zu lösen, nach Ansicht vieler Beobachter keineswegs mit der gewachsenen internationalen Bedeutung der Bundesrepublik. Warum aber scheuen die Deutschen das Schlachtfeld, wo Amerikaner, Kanadier, Briten, Franzosen, ja selbst die nicht gerade als militaristisch verschrienen Niederländer und Skandinavier bereit sind, im wilden Süden Afghanistans Opfer zu bringen? Sind wir ein Volk von Pazifisten?

Führungsversagen der Politik

Kritiker geben einen Teil der "Schuld“ an der vermeintlichen Friedensliebe den Politikern. Auch Nachtwei, der sich gleichermaßen um das Verständnis für den "friedlichen“ Teil der Afghanistan-Mission sorgt - sieht als einen von zwei wichtigen Gründen ein Versagen der "politischen Führung und der Politik allgemein“. Sie habe nur unzureichend vermittelt, "warum das alles sicherheitspolitisch notwendig ist und was es bringt“. Der frühere Generalinspekteur der Bundeswehr, Ex-Luftwaffengeneral Harald Kujat, wettert: Die Deutschen hätten immer nur von Wiederaufbau, Kindergärten und Schulen geredet. Die Regierung habe "der Bevölkerung" statt dessen klar sagen müssen, dass es darum gehe, die terroristische Bedrohung "an den Wurzeln" zu bekämpfen.

Deutschland im "Wahlmodus"

Die Wahrheit scheint jedoch in Zeiten gehäufter Landtagswahlen sowie einer für die Große Koalition heiklen Bundestagswahl im kommenden Jahr so eine Sache zu sein. Jackson Janes vom Washingtoner Institut für gegenwartsbezogene Deutschlandstudien bemerkt frustriert, Deutschland sei - ebenso wie die USA - bis auf Weiteres voll im "Wahlmodus“. Da werde jede außenpolitische Entscheidung noch stärker als sonst auf ihre innenpolitische Verträglichkeit hin abgeklopft.

Politiker im "Feiglingsspiel" gefangen

Warum aber können deutsche Politiker mit "ihrem" Volk nicht Tacheles reden: dass nämlich der Afghanistan-Einsatz gefährlich, aber für alle Beteiligten wichtig ist? Volker Perthes von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, sieht ein großes Misstrauen unter den Politikern. Eigentlich gingen alle Parteien bis auf die Linke sehr verantwortungsvoll mit dem Einsatz um. Dennoch herrsche Misstrauen: Alle blieben in Deckung, aus Furcht, der andere könne ihnen im nächsten Wahlkampf einen Strick aus ihrem Engagement für den Einsatz drehen. "In der Spieltheorie“, so Perthes, "nennt man das ein 'chicken game' (Feiglingsspiel).“ Das sei aber immer noch nicht die ganze Wahrheit.

Die wahren Gründe liegen tiefer

In Wahrheit beweise die Politik dabei durchaus Führungsstärke, sagt Perthes. Politiker fassten sogar ständig außenpolitische Beschlüsse, gegen die die Mehrheit der Bevölkerung sei. Perthes sieht den tieferen Grund im Unterbewusstsein der Deutschen: "Die 'Reeducation' (Umerziehung) durch die Amerikaner nach dem Krieg hat gewirkt“, sagt er schmunzelnd.

"Die Amerikaner wollten ja ein Volk, das besonders friedlich ist“

Auch Karsten Voigt, Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-amerikanischen Beziehungen, kann sich angesichts dieser Tatsache ein Grinsen nicht verkneifen. "Die Amerikaner wollten ja nach dem letzten Weltkrieg ein Volk, das besonders friedlich ist“, sagt Voigt. "Jetzt haben sie es und sind erstaunt und unzufrieden darüber, dass diese Umerziehung so erfolgreich war.“ Deutsche Politiker sieht auch er eher als Vorreiter, denn als Duckmäuser. 

Die Deutschen befinden sich in einem Lernprozess

Dass die Lehre des Carl von Clausewitz wieder auflebe, glaubt auch SPD-Politiker Voigt nicht. Der deutsche General hatte vor rund 170 Jahren den Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln beschrieben. Die Deutschen seien aber mitten in einem Lernprozess, "von einer auf den Ost-West-Konflikt fixierten Perspektive hin zu globalem Denken", vermutet Voigt. "Auf lange Sicht sehe ich ein Deutschland, dass vielleicht zögernder sein wird, als Großbritannien und Frankreich, sein Militär einzusetzen, das aber von seiner Ausstattung und seiner Politik her sehr wohl dazu in der Lage ist.“

Immer bei der Wahrheit bleiben

Militär Kujat glaubt auch schon zu wissen, wie dieser Zustand mehrheitsfähig werden könnte: Man müsse einfach die Dinge so darstellen, wie sie eben seien. Dann werde mit der Zeit auch die Bevölkerung verstehen, worum es geht.


Grafik Bundeswehr in Afghanistan
HintergrundDie gefährlichsten Regionen Afghanistans
HintergrundBundeswehreinsatz in Afghanistan
Animierte GrafikBundeswehreinsätze im Ausland


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