Startseite Jetzt online bestellen und 10% Rabatt sichern

Sie sind hier: Home > Nachrichten > Wissen >

Ackerbau im Wolkenkratzer

...

Ackerbau im Wolkenkratzer

19.07.2011, 14:27 Uhr | Von Fabian Kretschmer und Malte E. Kollenberg

Bauernhöfe mitten in der Großstadt - lässt sich so das weltweite Hungerproblem lösen? Experten zufolge könnte das Vertical Farming zehn Milliarden Menschen ernähren, unabhängig von Missernten und steigenden Landpreisen. Nur eines braucht man dafür: sehr viel Energie.

Choi Kyu Hong könnte sich im 65. Stockwerk befinden. In einem Gemüsegarten fast 200 Meter über dem Erdboden. Diese Vision existiert bisher nur als Architekturentwurf - hundertfach.

Statt in schwindelnden Höhen passiert der Agrarwissenschaftler Choi eine Luftschleuse im dritten Stock. Höher hinaus geht es nicht. Auf dem Dach sind nur noch die Solarpaneele. Sie versorgen den Vertical-Farm-Prototyp in der südkoreanischen Stadt Suwon mit Strom.

Von außen hat die Vertical Farm in Korea nur wenig mit den luxuriösen Hochbauten gemein. Im Inneren jedoch wird an der Zukunft der urbanen Landwirtschaft gearbeitet: Auf rund 450 Quadratmetern werden Blattsalate angebaut - umgeben von Hochhäusern, Apartmentkomplexen und 20 Millionen Menschen.

Damit keine Keime und Bakterien den wissenschaftlichen Versuch beeinflussen, muss jeder beim Betreten der Vertical Farm eine Luftdusche passieren. Ansonsten ähnelt die Farm in Suwon einem traditionellen landwirtschaftlichen Betrieb. Ein bisschen mehr technischer Schnickschnack, grellrosa Beleuchtung, die feuchte Luft riecht wie im Gartencenter nach frischer Blumenerde.

In mehreren Schichten sind Salatköpfe aufgereiht. Ganz unten gedeihen kleine Stecklinge, während oben schon die nahezu erntereifen Pflanzen stehen. Anders als in herkömmlichen Gewächshäusern werden in Suwon jedoch zwischen Aussaat und Ernte keinerlei Pestizide verwendet, und das Wasser wird vollständig recycelt. Der Anbau erfolgt daher komplett ökologisch und ist zusätzlich um ein Vielfaches ertragreicher als bei konventionellen Treibhäusern.

Penibel überprüft Choi die Temperatur im Raum. Auch die Wellenlänge der extra auf die Salatpflanzen abgestimmten weißen, roten und blauen Leuchtdioden protokolliert der koreanische Agrarforscher sorgfältig. Nichts wird dem Zufall überlassen, wenn in Suwon unter Laborbedingungen der Ackerbau im Hochhaus wissenschaftlich getestet wird. Ziel ist es, die Anbaumethode zu optimieren und konkurrenzfähig zu machen. Korea möchte damit auf den freien Markt.

Neun Milliarden Menschen im Jahr 2050

Vertical Farming an sich ist eine alte Idee, denn Etagenanbau gab es schon bei den Indios im südamerikanischen Regenwald. Auch die Reisterrassen in Ostasien folgen einem ähnlichen Prinzip. Aufgrund begrenzter Ressourcen und einer rasant steigenden Weltbevölkerung ist die Idee heute aber aktueller denn je.

Die Grüne Revolution, die in den späten fünfziger Jahren einsetzte, hat die Produktivität der Landwirtschaft spektakulär gesteigert - und das bis heute anhaltende explosive Bevölkerungswachstum erst ermöglicht. Seit 1950 hat sich die Weltbevölkerung von 2,4 auf heute rund sieben Milliarden nahezu verdreifacht. Entsprechend stieg auch die Nachfrage nach Nahrungsmitteln.

Bisher konnte die Landwirtschaft halbwegs mithalten - sonst wäre die Wachstumskurve der Weltbevölkerung schon längst abgeflacht. Doch Wissenschaftler warnen, dass sich die Produktivität nicht unbegrenzt steigern lässt. Zugleich sind viele Nutzflächen inzwischen ausgelaugt und unfruchtbar, und es lassen sich auch nicht endlos neue Flächen erschließen.

Die Vereinten Nationen rechnen für das Jahr 2050 mit einer Weltbevölkerung von gut neun Milliarden Menschen. Das "Vertical Farm Project" geht deshalb davon aus, dass gemessen an der aktuellen Produktivität der Landwirtschaft etwa die Hälfte der Fläche Südamerikas zusätzlich nötig sein wird, um all diese Menschen zu ernähren.

Vertical Farming hat das Potential, dieses Problem zu lösen. Bereits 1915 hat der amerikanische Geologe Gilbert Ellis Bailey den Begriff geprägt. Architekten und Wissenschaftler haben sich vor allem zum Ende des vergangenen Jahrhunderts immer wieder mit dem Konzept auseinandergesetzt. Dickson Despommier, emeritierter Professor der New Yorker Columbia University, hat das Vertical Farming 1999 aufgegriffen, mit seinen Studenten. Die Themen in seinem Seminar waren so deprimierend, dass die Studenten eines Tages protestierten und ihren Professor baten, er möge mit ihnen etwas Positives erarbeiten.

Aus einer anfänglichen Idee des "rooftop farming", des Anbaus auf Flachdächern, entwickelten sie ein Hochhauskonzept. Die Studenten hatten errechnet, dass mit dem Anbau auf Häuserdächern maximal zwei Prozent der Bevölkerung Manhattans mit Reis ernährt werden könnten. "Wenn es mit Hausdächern nicht funktioniert - wieso bauen wir die Lebensmittel nicht im Inneren der Gebäude an?", fragte sich Despommier. "Wir wissen doch, wie man Pflanzen indoor anbaut und bewässert."

Manhattan war prädestiniert für die Idee. Zahlreiche leere Hochhäuser stehen dort. Nach Berechnungen Despommiers und seiner Studenten könnte eine 30-stöckige Vertical Farm circa 50.000 Menschen ernähren. 160 der urbanen Landwirtschaftsbetriebe könnten - unabhängig von Kälteeinbrüchen und Trockenperioden - theoretisch ganz New York das ganze Jahr über mit Lebensmitteln versorgen.

Energieversorgung problematisch

Bisher jedoch existieren solche Hochhausfarmen nur im Modell. Kritiker glauben, dass sich das auch in absehbarer Zukunft nicht ändern wird. Der Agrarwissenschaftler Stan Cox vom Kansas Land Institute hält Vertical Farming eher für schön anzusehende Gebäudedesigns von Architekturstudenten.

Das Hauptproblem ist, Sonnenlicht durch Leuchtdioden zu ersetzen. Wollte man den Weizenertrag der USA ein ganzes Jahr durch Vertical Farming ersetzen, würde man nach Cox' Kalkulation allein für die Beleuchtung achtmal so viel Elektrizität benötigen, wie alle Kraftwerke der USA zusammen während eines Jahres bereitstellen können.

Noch schwieriger wird die Umsetzung, wenn komplett auf erneuerbare Energien gesetzt wird, so wie es Despommier vorschwebt. In den USA machen sie momentan lediglich rund zwei Prozent der gesamten Energieversorgung aus. Der Sektor müsste also um das 400Fache vergrößert werden, um den Weizenertrag eines Jahres mit vertikalen Farmen produzieren zu können. Despommier habe sich offenbar in eine schöne Idee verliebt, ohne an deren konkrete Umsetzung zu denken, lästert Agrarforscher Cox.

Despommier glaubt dennoch weiter an seine Vision von der urbanen Landwirtschaft. Und die neuesten Entwicklungen könnten ihm recht geben. War Vertical Farming vor zehn Jahren lediglich eine Idee, so hat es sich innerhalb von fünf weiteren Jahren zum konkreten Modell entwickelt. Und seit etwa zwei Jahren entstehen erste Prototypen.

Zumindest im Kleinen scheint das Konzept schon heute kommerziell zu funktionieren. In den Niederlanden stehen längst die ersten Nahrungsmittel einer Vertical Farm in Supermarktregalen. In Den Bosch, drei Stockwerke unter der Erde, hat die Firma PlantLab von Ziersträuchern und Rosen über Erdbeeren bis hin zu Bohnen, Gurken und Mais fast jede erdenkliche Nutzpflanze angebaut. "Wir kommen vollständig ohne Sonnenlicht aus", sagt PlatLab-Mitarbeiter Gertjan Meeuws. "Trotzdem erreichen wir mindestens den dreifachen Ertrag eines gewöhnlichen Gewächshauses."

Zusätzlich verbraucht die Vertical Farm in Holland, an der schon seit mehr als zehn Jahren gefeilt wird, bis zu 90 Prozent weniger Wasser als ein herkömmlicher Landwirtschaftsbetrieb. Gerade die Niederlande, die nur eine begrenzte Landmasse zur Verfügung haben und andererseits über die nötige Technologie verfügen, sind wie gemacht für Vertical Farming. Auch gibt es in Holland eine große Nachfrage nach ökologischen, pestizidfreien Lebensmitteln - ebenso wie die Bereitschaft, für diese etwas tiefer in die Tasche zu greifen.

"Die nächste landwirtschaftliche Revolution"

Despommier glaubt, dass sich bald ganze Länder dank Vertical Farming autark ernähren können. Nicht zuletzt deshalb ist das Konzept für die koreanische Regierung interessant. Bisher muss ein großer Teil der in Korea verbrauchten Nahrungsmittel importiert werden. Laut einer OECD-Studie aus dem Jahr 2005 rangiert Südkorea in Sachen Ernährungssicherheit auf dem weltweit fünftletzten Platz. Hinzu kommen rasant steigende Nahrungsmittelpreise, Klimaveränderungen und die Möglichkeit von Naturkatastrophen. Darüber macht man sich auch im Vertical-Farming-Labor in Suwon Gedanken: "Wir müssen vorbereitet sein, um Katastrophen abzuwenden", sagt Choi.

Bis zum kommerziellen Einsatz des Vertical Farmings in Korea ist der Weg allerdings noch weit. Fünf weitere Jahre der Forschung sind notwendig, glaubt Chois Kollegin Lee Hye Jin. "Erst dann ist unsere Vertical Farm reif für den freien Markt."


Quelle: Spiegel Online

Inhalt versenden Versenden
Leserbrief An die Redaktion
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus.
Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Diese Mail an
mailing-ifrarr
Artikel versenden
Empfänger
Absender
Name
Name
E-Mail
E-Mail
Nachricht
 

"Ackerbau im Wolkenkratzer" verlinken

Verlinken Sie uns, wenn Ihnen der Artikel "Ackerbau im Wolkenkratzer" gefallen hat.

 
schließen

Kommentare (0)

zum Forum

Thema: "Ackerbau im Wolkenkratzer"

Seite:

Kommentar schreiben

Name
Betreff
Kommentar: (Maximal 500 Zeichen)

Bitte füllen Sie alle Felder aus.

Haken

Vielen Dank. Ihr Kommentar wurde versendet!

Kommentar schreiben



Zu diesem Artikel/Thema können keine weiteren Kommentare mehr abgegeben werden.

Kommentar melden

Sie sind der Meinung, dass dieser Kommentar anstößige Inhalte enthält.

 

Haken

Vielen Dank! Ihr Hinweis wurde von der Redaktion entgegengenommen.
mailing-ifrarr

Shopping

Einkaufswelt
Passform-Mode für Herren
Premium-Mode mit perfekter Passform - von RAPHAELA by BRAX

Die Spezialkollektion für jede Kör-
perform: perfekt für Business und Freizeit. zum XXL-Special

Einkaufswelt
Mode von Laura Kent
Neue Frühlings-Trends von Laura Kent - bei WENZ

Extravagante und schicke Damen-
mode für die neue Saison: jetzt online bestellen. von WENZ

Einkaufswelt
Grills und Gartenkamine
Grills & Gartenkamine von plus.de

Jetzt aus über 150 Marken-Grills den passenden auswählen!
bei plus.de

Einkaufswelt
Alles gut verstaut
Möbel, die viel Stauraum bieten - jetzt bei FASHION FOR HOME

Edle Design-Möbel, die Platz sparen und Stauraum bieten - jetzt günstig!
von FASHION FOR HOME


Downloads & Shops

Minus 29%: CutOut PRO
CutOut PRO (Quelle: Softwareload)

Der Meister für feinste Freistellungen und präzise Montagen. mehr

THW Simulator 2012
THW Simulator 2012 (Quelle: rondomedia)

Fahrzeuge bergen, Brücken bauen und mehr. Jetzt kaufen

Badeurlaub in Kroatien ab 572,- €/P.
Last Minute bei t-online.de Reisen (Quelle: t-online.de)

1 Woche im 4-Sterne- Hotel mit AI und Flug.


Aus anderen Bereichen

Wertvollste Marken der Welt gekürt
Apple: Qualitativ hochwertige Produkte und geschicktes Marketing pushen den Markenwert (Quelle: dapd)

Wertvollste Automarke aus Deutschland. mehr

Explosionsgefahr bei Hertha BSC
Michael Preetz hat in Berlin zwei Abstiege erlebt. (Quelle: imago)

Medien: Manager Preetz soll weg. mehr


Anzeigen

Anzeige
Anzeige
Einkaufswelt
Unglaubliche Ersparnis
Tiefpreise: Patronen für Canon-Drucker bei druckerzubehoer.de

Bis zu 92% auf Patronen für Marken-
drucker. von druckerzubehoer.de

Regionale Nachrichten
News aus Ihrer Region
Nachrichten aus Ihrer Region (Foto: imago)

Aktuelle Meldungen aus den Bundesländern. mehr

Augenblicke
Fotos des Tages
Ein mit Rollrasen beladener Anhänger parkt im Frachtbereich des Fährhafens. (Quelle: dpa\Ingo Wagner)

Was haben die Ostfriesen denn da bestellt? mehr

Special
Die neuen Kriege
US-Soldaten beim Einsatz in Afghanistan (Quelle: Reuters)

Moderne Kriegsführung und moderne Waffen. mehr

Aus dem All
Satellitenbild der Woche
Das Satellitenbild der Woche zeigt die Frühlingsblüte des Phytoplankton an Irlands Nordwestküste im Nordatlantik. Die Mikroorganismen sind die Basis der Nahrungskette der Meere und spielen eine wichtige Rolle bei der Aufnahme von Kohlenstoffdioxid. (Quelle: ESA)

Wie Außerirdische die Erde sehen würden. zur Foto-Serie

Quiz
Rätseln Sie sich schlau!
(Montage: t-online.de)

Quiz bei t-online.de: Testen Sie Ihr Wissen. zur Quiz-Seite

Anzeige

Zur breiten Ansicht
© Deutsche Telekom AG 2012

Anzeige