Lynndie England heute mit ihrem Sohn: Sie lächelt, aber sie fühlt sich schlecht (Foto: AP)
Sie erlangte traurige Berühmtheit, weil sie einen irakischen Gefangenen im Gefängnis Abu Ghoreib an der Leine hielt - dieses Foto schockierte die Welt. Heute kann sich die ehemalige Soldatin der US-Armee, Lynndie England, selbst nicht von den Fesseln befreien, die ihr die Folterbilder aus dem Irak angelegt haben. Zwei Jahre nach der Entlassung aus der Haft hat sie noch immer keinen Job - aber das ist nicht ihr einziges Problem.
Ihre Tage verbringt sie meist eingeschlossen in den eigenen vier Wänden: "Ich habe kein soziales Leben. Ich sitze den ganzen Tag zuhause." Wenn sie aus dem Haus geht, zeigen die Menschen mit dem Finger auf sie. "Das ist sie", hört sie die Menschen überall wispern.
Das Gesicht des Skandals
Ihr Gesicht ist ist das Gesicht, das jeder mit dem Folterskandal von Abu Ghoreib verbindet. Die 26-Jährige hat bereits hunderte Bewerbungen verschickt - erfolglos. Ein Restaurantmanager wollte sie einstellen, doch dann drohten alle anderen Mitarbeiter des Betriebs zu kündigen, erzählt Lynndie England traurig.
Biografie veröffentlicht
Sie hat versucht, ihr dunkelbraunes Haar zu färben, hat Sonnenbrillen und Baseballkappen getragen. Sie hat sogar erwogen, ihren Namen zu ändern. "Aber es ist mein Gesicht, das die Leute immer erkennen", weiß sie. "Und das kann ich nicht ändern." Nun hofft sie, zumindest ihr Image ändern zu können. In diesem Monat ist sie auf Lesereise für ihre soeben veröffentlichte Biografie "Tortured: Lynndie England, Abu Ghoreib and the Photographs that Shocked the World" (Übersetzt: "Gefoltert: Lynndie England, Abu Ghoreib und die Fotos, die die Welt schockierten").
Sinnbild für Bush-Politik
Die Fotos, die England in Abu Ghoreib zeigen und 2004 Millionen Menschen rund um den Globus entsetzten, sind inzwischen Sinnbilder geworden für die Politik von Ex-Präsident George W. Bush. Auf einem Foto hält sie einen gequälten irakischen Gefangenen an der Leine, auf einem anderen steht sie lässig mit Zigarette im Mundwinkel vor nackt aufgereihten Gefangenen, deren Köpfe mit einem Plastiksack überzogen sind, und zeigt auf deren Genitalien.
"Wie ein böser Folterknecht"
"Die Leute meinen, ich war wie ein böser Folterknecht. Das war ich nicht", rechtfertigt sie sich. "Ich war nur für den Bruchteil einer Sekunde auf diesem Foto." Die ehemalige Soldatin sagt, sie habe sich wiederholt entschuldigt und ihre Verbrechen gebüßt. Sie räumt Fehlentscheidungen ein, beteuert jedoch, dass sie nur Handlangerin gewesen sei: "Die Leute haben nur mit uns gespielt."
Die Jury war anderer Auffassung
Eine Militärjury hat ihre Argumentation jedoch zurückgewiesen, wonach sie nur Befehle befolgt habe und dem Vater ihres Kindes, ihrem Vorgesetzten Charles Graner, habe gefallen wollen. Sie wurde zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, England kämpft vor Gericht immer noch gegen das Urteil. Der ehemalige Stabsgefreite Graner sitzt wegen seiner Taten in Abu Ghoreib noch immer im Gefängnis.
Staatsanwalt: Das waren keine Terroristen
Der leitende Staatsanwalt bei Englands Prozess, Christopher Graveline, findet es ihr gutes Recht, dass sie ihre Sichtweise darstellt. Im Zusammenhang mit den inzwischen veröffentlichten Memos der Bush-Regierung, die Foltermethoden bei Verhören von Terrorverdächtigen erlaubten, weist Graveline jedoch darauf hin, dass keiner der misshandelten Gefangenen in Abu Ghoreib ein mutmaßlicher Terrorist war. Es waren einfache Kriminelle in einem irakischen Gefängnis, die im übrigen nie von den US-Soldaten verhört wurden. "Die Vorstellung, dass England und ihre Kollegen irgendwie für den militärischen Geheimdienst gearbeitet haben, wird von keinen Tatsachen gestützt", fügt der Staatsanwalt hinzu, der im kommenden Jahr selbst ein Buch zur Aufarbeitung des Falls herausgeben will.
Elf Verurteilungen
Insgesamt elf Soldaten der US-Armee wurden wegen der Vorfälle in Abu Ghoreib verurteilt. Nachdem Lynndie England die Hälfte ihrer dreijährigen Haftstrafe abgesessen hatte, kehrte sie in ihre Heimat zurück: Sie lebt in dem 1300-Seelen-Ort Fort Ashby in West Virginia, etwa 250 Kilometer westlich der Hauptstadt Washington. Ihr Biograph Gary Winkler, ein örtlicher Journalist, hat stundenlange Gespräche mit England und ihrer Familie geführt. "An manchen Tagen habe ich sie gemocht, an manchen Tagen gehasst", sagt Winkler. "Manchmal dachte ich, sie sollte noch im Gefängnis sitzen, manchmal tat sie mir einfach nur leid."
"Bin ich eine gute Mutter"?
England sorgt sich indes, ob sie ihrem inzwischen vierjährigen Sohn Carter eine gute Mutter ist: "Normale Mütter haben Jobs. Aber ich bin den ganzen Tag zu Hause." Inzwischen hat sie es aufgegeben, sich weiter zu bewerben und lebt von Sozialhilfe und der Unterstützung ihrer Eltern. Sie wolle ihrem Sohn ein gutes Leben ermöglichen, sagt sie.
Depressionen und Angstzustände
England sagt, sie kämpfe mit Depressionen, posttraumatischem Stresssyndrom und Angstzuständen. Sie hat Angst um ihr Leben - obwohl der Irak 6500 Kilometer weg ist. "Ich habe Paranoia", räumt sie ein. Es reiche ein Iraker, der sie noch hasse.