Startseite Jetzt online bestellen und 10% Rabatt sichern

Sie sind hier: Home > Nachrichten >

25 Jahre Tschernobyl: Leben mit einem Monster

...

Leben mit einem Monster

26.04.2011, 08:33 Uhr | Von Daniel Karl Jahn

Tschernobyl: Der explodierte Reaktorblock 4 wurde mit Beton verschlossen (Foto: dpa)

Der explodierte Reaktorblock 4 von Tschernobyl wurde mit Beton verschlossen (Foto: dpa)

"Tschernobyl?", Dennis schüttelt den Kopf. "Keine Angst." Neunjährige fürchten sich nicht mehr vor Monstern, jedenfalls nicht vor solchen, mit denen sie aufwachsen, als gehörten sie dazu. Dennis geht in Wetka bei Gomel zur Schule. Die gleichnamige Region Gomel im Süden Weißrusslands ist das durch die Atomkatastrophe vom 26. April 1986 am stärksten radioaktiv verseuchte Gebiet überhaupt. Heute, 25 Jahre nach dem Super-GAU, versuchen die Menschen, dort ein normales Leben zu führen, ein Leben mit den Folgen von Tschernobyl.

Wetka ist eine 12.000-Einwohner-Stadt mit Gymnasium, gesäumt von bunten Holzhäusern, wie sie für das weißrussische Hinterland typisch sind. Es wäre ein geeigneter Ort für eine unbeschwerte Kindheit. Aber eine Kindheit ist hier bestenfalls unbelastet, und das ist etwas völlig anderes. Es bedeutet, dass Pilze aus dem Wald, Gemüse aus dem Garten, Fleisch von der Kolchose immer auf Radioaktivität getestet werden müssen, dass alle Schüler zweimal jährlich zur Schuluntersuchung müssen, Erkältungen wegen geschwächter Immunsysteme hartnäckiger sind, Kinder Wörter wie Halbwertszeit kennen - und dass es immer mehr Schilddrüsenkrebs gibt.

Für Jahrhunderte verseucht

Der Unglücksreaktor wird noch lange die Region überschatten. Die nächsten 300 Jahre, rechnet Nikolai Wabischtschewitsch vom Komitee für Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion der Regionalverwaltung in Gomel vor. Das ist die Halbwertszeit der strahlenden Isotope Cäsium und Strontium, die zusammen mit kurzlebigeren radioaktiven Stoffen wie Jod aus der Tschernobyl-Wolke auf den Süden Weißrusslands niederregneten und in der Region Gomel 216.000 Hektar Land verseuchten. "Davon konnten bislang nur 4400 Hektar zurückerobert werden", sagt Wabischtschewitsch. Wetka gehört zu den am schlimmsten betroffenen Gomeler Kreisen; von insgesamt 21 Kreisen der Region sind 13 kontaminiert.

"Man muss sich anpassen", sagt Elena Barsukowa. Die stellvertretende Direktorin des Gymnasiums in Wetka war 15 Jahre alt, als im etwa 160 Kilometer entfernten ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl am 26. April 1986 Reaktorblock 4 explodierte, tagelang brannte und die radioaktive Wolke bis auf dreitausend Meter stieg. "Wegziehen?" - aus Gomel, wo 98 Ortschaften laut Verwaltung "komplett abgetragen" wurden und insgesamt 100.000 Menschen umgesiedelt wurden - "meine Familie hat gesagt, wir bleiben", sagt Barsukowa.

Nachrichten
Gedenken in der Ukraine: 25 Jahre Tschernobyl

Im ganzen Land versammelten sich Menschen, um der Opfer zu gedenken. Die genaue Zahl der Toten ist bis heute umstritten. zum Video

Katastrophe ist immer präsent

Barsukowa hat sich mit dem monströsen Gebilde arrangiert, das selbst im Stundenplan seine Spuren hinterlässt. Dort mutiert es zu einem unsichtbaren Zusatzfach, dass alle Lehrer in Wetka unterrichten: Tschernobyl in der Chemie, der Physik, der Geschichte. Zuletzt war es wieder Thema im Kunstunterricht. Zu jedem Jahrestag veranstaltet die Schule einen Zeichenwettbewerb: Manche der Bilder zeigen regenbogenbunte Sehnsuchtsparadiese, wie sie auch in deutschen Grundschulklassenzimmern hängen. Andere sind so düster, dass sie anderswo auf der Welt vermutlich Anlass zum Besuch beim Schulpsychologen wären: apokalyptische Landschaften und gekrümmte Embryos in welken Blütenkelchen.

"Früher war die Angst wesentlich stärker ausgeprägt", sagte die 16-jährige Olga Kostotschkina. Dennoch "betrifft es mich", fügt die Schülerin hinzu. "Meine Mutter war den Folgen ausgesetzt, mein Bruder ist behindert." Sie und ihre Freundinnen waren schon in Deutschland und Italien zur Erholung: in Hannover, Lengenfeld und Buchhausingen. Als "Tschernobyl-Kinder" der zweiten Generation stehen auch ihnen jährlich 24-tägige Verschnaufpausen nach dem 1991 beschlossenen weißrussischen Tschernobyl-Gesetz zu. Auch Dennis war gerade in einem weißrussischen Sanatorium, den Zeichenwettbewerb musste er sausen lassen.

Japan: Bilder einer Katastrophe
6 Bilder von 96

Doch der Unglücksreaktor wartet auf sie. Und weil sie ihn nicht loswerden, haben sie ihn zum Jahrestag der Katastrophe einfach eingeladen: "Unser Gast Tschernobyl" heißt eine Broschüre, die Schüler und Lehrer gestaltet haben. Das Heft will die Einwohner Wetkas ermutigen, auch 25 Jahre danach über das Leben mit den Folgen weiter nachzudenken.


Quelle: AFP

Inhalt versenden Versenden
Leserbrief An die Redaktion
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus.
Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Diese Mail an
mailing-ifrarr
Artikel versenden
Empfänger
Absender
Name
Name
E-Mail
E-Mail
Nachricht
 

"25 Jahre Tschernobyl: Leben mit einem Monster" verlinken

Verlinken Sie uns, wenn Ihnen der Artikel "25 Jahre Tschernobyl: Leben mit einem Monster" gefallen hat.

 
schließen

Kommentare (56)

zum Forum

Thema: "25 Jahre Tschernobyl: Leben mit einem Monster"

Elbanrainer schrieb: am 18. April 2011 um 11:54:46
(0) (0) Alles sicher
Brunsbüttel, Brokdorf, beide KKW liegen hinter dem Elbdeich - und der brach bei der Flutkatastrophe 1962 an einer Stelle, an
der kein "Experte" je einen Deichbruch für möglich hielt! Bricht er einmal bei Brokdorf, dann gehen wir hier auch einer strahlenden Zukunft entgegen wie die Japaner! Die Japaner haben mit 100.000 Evakuierten schon ihre Probleme, in Hamburg wohnen ein paar Hunderttausend mehr!
mehr Kommentar melden

Franzi schrieb: am 18. April 2011 um 11:54:34
(0) (0) und die anderen?
Wir wollen die Atomkraft abschaffen, schön und gut, aber was ist mit unseren Nachbarländern? Allein Frankreich besitzt 52
Atomkraftwerke. Wer kann uns da garantieren, dass dort nichts passiert? Wenn dann sollte man sich europaweit darum kümmern. Wenn wir unsere Meiler abschalten ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein...
mehr Kommentar melden

Horst Droste schrieb: am 18. April 2011 um 11:53:58
(0) (0) AKW
Schaltet alle ab, denn sie werden uns alle vernichten. Haben wir noch nicht gebug gesehen und erlebt. Was soll denn noch geschehen bis
die Menschheit zur Verbunft kommt. Wo ist die inteligenz der Menschen. Verdrängen wir alle solnage, bis wir alle unter gehen. Ich bin 57 und werde das Inferno nicht mehr erleben, aber unsere Nachfahren werden uns und unsere Vorfahren verfluchen.
mehr Kommentar melden

alle Kommentare
Seite:

Kommentar schreiben

Name
Betreff
Kommentar: (Maximal 500 Zeichen)

Bitte füllen Sie alle Felder aus.

Haken

Vielen Dank. Ihr Kommentar wurde versendet!

Kommentar schreiben



Zu diesem Artikel/Thema können keine weiteren Kommentare mehr abgegeben werden.

Kommentar melden

Sie sind der Meinung, dass dieser Kommentar anstößige Inhalte enthält.

 

Haken

Vielen Dank! Ihr Hinweis wurde von der Redaktion entgegengenommen.
mailing-ifrarr
Downloads & Shops

Minus 29%: CutOut PRO
CutOut PRO (Quelle: Softwareload)

Der Meister für feinste Freistellungen und präzise Montagen. mehr

THW Simulator 2012
THW Simulator 2012 (Quelle: rondomedia)

Fahrzeuge bergen, Brücken bauen und mehr. Jetzt kaufen

Klima & Umwelt
Der globale Klimawandel
CO2-Emmissionen der Industrie tragen zur Erderwärmung bei. (Quelle: Reuters)

Die Folgen der Erderwärmung für Mensch und Tier. Klima-Special


Shopping

Einkaufswelt
Himmlischer Weingenuss
Spitzenweine bei Hawesko

6 Fl. 2010er Condesa Eylo Verdejo + Karaffe für nur 39,- € statt 72,30 €. von Hawesko

Einkaufswelt
Festnetz Flat Optionen
Festnetz Flat Option - Endlos ins deutsche Festnetz telefonieren. Volle Kostenkontrolle - von congstar.de

Endlos ins deutsche Festnetz telefonieren. Volle Kostenkontrolle. von congstar.de

Einkaufswelt
Passform-Mode für Damen
Premium-Mode mit perfekter Passform - von RAPHAELA by BRAX

Modische Multitalente für Business und Freizeit - für Frauen mit jedem Figur-Typ. zum XXL-Special



Aus anderen Bereichen

Verrat soll Warlord zur Strecke bringen
Der Kony-Vertraute Caesar Acellam wurde geschnappt, als in einen Hinterhalt der ugandischen Armee tappte (Quelle: Reuters)

Deal von Kony-Jägern schockt UN. mehr

Diese 45 Brauereien bekommen Gold
Nicht jedes Bier besteht die strengen Qualitätskontrollen der DLG. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

DLG vergibt den "Preis der Besten". mehr

Wo ist das Gold der Bundesbank?
Zentralbank-Barren der Deutschen Bundesbank (Quelle: dpa)

Böser Verdacht gegen Währungshüter. mehr


Anzeigen

Anzeige
Anzeige
Einkaufswelt
Jeans mit Push-up Effekt
Jeans mit Wow-Effekt: Push-up Jeans von neckermann.de.

Für den ultimativen Sitz - jetzt schon ab 19,99 €. von neckermann.de

Special
Die neuen Kriege
US-Soldaten beim Einsatz in Afghanistan (Quelle: Reuters)

Moderne Kriegsführung und moderne Waffen. mehr

Special
Islamische Welt in Aufruhr
Massenproteste im Maghreb: Die arabische Welt ist in Aufruhr (Foto: Reuters)

Aktuelles, Hintergründe, Analysen aus den Krisengebieten. mehr

Augenblicke
Fotos des Tages
Der Comedian Ingo Appelt steht bei der "Michael Wendler Ranch Party" in Dinslaken auf der Bühne. (Quelle: dpa\Henning Kaiser)

Strip im Lederslip: Welcher Star zieht hier blank? mehr

Regionale Nachrichten
News aus Ihrer Region
Nachrichten aus Ihrer Region (Foto: imago)

Aktuelle Meldungen aus den Bundesländern. mehr

Aus dem All
Satellitenbild der Woche
Das Satellitenbild der Woche zeigt die Frühlingsblüte des Phytoplankton an Irlands Nordwestküste im Nordatlantik. Die Mikroorganismen sind die Basis der Nahrungskette der Meere und spielen eine wichtige Rolle bei der Aufnahme von Kohlenstoffdioxid. (Quelle: ESA)

Wie Außerirdische die Erde sehen würden. zur Foto-Serie

Quiz
Rätseln Sie sich schlau!
(Montage: t-online.de)

Quiz bei t-online.de: Testen Sie Ihr Wissen. zur Quiz-Seite

Anzeige

Zur breiten Ansicht
© Deutsche Telekom AG 2012

Anzeige