Helmut Kohl (im Bild 1990 bei einem Wahlkampfauftritt in Erfurt umjubelt) gilt vielen als Kanzler der Einheit. Weder den Mauerfall, noch die Feier 20 Jahre später erlebte er jedoch in Berlin (Foto: dpa/Archiv)Die deutsche Hauptstadt feiert mit Staatsgästen aus aller Welt den 20. Jahrestag des Mauerfalls. Einer aber ist nicht dabei: Helmut Kohl. Zu groß wären die Belastungen für den 79-Jährigen, der für viele der Kanzler der Einheit ist. Seit einem Sturz in seinem Haus vor mehreren Monaten ist er gesundheitlich sichtbar geschwächt. Auch am 9. November 1989, als in Berlin die Mauer fiel und das Ende der DDR eingeläutet wurde, war Kohl abwesend. Der damalige Kanzler war zu Gesprächen mit Polens Staats- und Regierungsspitze in Warschau, auch zu jener Zeit schwierige Gesprächspartner.
"Als ich am 9. November 1989 mittags im Park des Bundeskanzleramts in einen Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes stieg (...), der mich zum militärischen Teil des Bonn-Kölner Flughafens bringen sollte, von wo aus ich als erster Regierungschefs eines EG- beziehungsweise eines NATO-Mitgliedstaates nach Warschau fliegen wollte, ahnte ich nicht, dass dieses Datum in die deutsche Geschichte eingehen würde", schreibt der frühere CDU-Chef in seinen Erinnerungen. Bei den Gesprächen mit Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki und Staatschef Wojciech Jaruzelski sollte es um Grenzfragen, die Rechte der deutschen Minderheit und um eine Entschädigung für ehemalige polnische Zwangsarbeiter gehen.
Für den Abend war im Palast des polnischen Ministerrats ein festliches Bankett vorgesehen. In Berlin war an diesem Tag schon kurz nach der Ankunft Kohls in Polens Hauptstadt die Unruhe spürbar. Unmittelbar vor der Abfahrt vom Gästehaus Parkowka habe ihn ein dringender Anruf aus Bonn erreicht. Der damalige Kanzleramtsminister Rudolf Seiters wollte dringend seinen Chef sprechen. "Seiters hatte in der Tat eine sensationelle Nachricht für mich", schreibt Kohl in seinem historischen Rückblick: In Ostberlin hatte der SED-Bezirksvorsitzende Günter Schabowski überraschend eine Übergangsregelung bis zum Inkrafttreten eines neuen Reisegesetzes verkündet.
Sprachloser Kanzler
Sprachlos registrierte Kohl, dass nach diesem Dekret Privatreisen in den Westen mit sofortiger Wirkung kurzfristig erteilt werden könnten. Während des Banketts wurden Kohl ständig neue Meldungen, vornehmlich von Nachrichtenagenturen, überreicht. Der zu dieser Zeit amtierende Regierungssprecher Hans Klein, genannt Jonny, berichtete dem Kanzler aus einer Bundestagssitzung - damals noch im Bonner Wasserwerk - wo angesichts der Entwicklung als Bekenntnis zur Einheit spontan die deutsche Nationalhymne von Abgeordneten gesungen wurde.
"Gerade fällt die Mauer"
Kohl rief seinen engsten Vertrauter der damaligen Zeit - Eduard Ackermann - in Bonn an: "Herr Bundeskanzler, im Augenblick fällt gerade die Mauer!", so Ede Ackermann, der später selbst von seiner tiefen Ergriffenheit berichtete, als das Fernsehen die ersten Live-Bilder von der Bornholmer Brücke übertrug. "Es verschlug mir fast die Sprache" - so Kohl.
Abgebrochener Besuch
Sofort habe für ihn, trotz großer protokollarischer Probleme, festgestanden, dass er den Warschau-Besuch abbrechen und nach Bonn zurückkehren musste. "Der Platz des Bundeskanzlers konnte in dieser historischen Stunde nur in der deutschen Hauptstadt sein", schreibt Kohl in seinen Memoiren.
Schmerzhafte Pfiffe
Kohl musste jedoch einen Tag, bis zum 10. November, warten, ehe er schließlich nach Berlin kam. Über Schweden musste die Luftwaffenmaschine mit dem Kanzler an Bord nach Hamburg fliegen, und erst von dort ging es mit einer US-Militärmaschine nach Berlin. Das Pfeifkonzert während seiner Rede vor dem Schöneberger Rathaus gehört noch heute zu Kohls schmerzlichsten Erinnerungen, bevor die deutsche Einheit - fast ein Jahr später - Wirklichkeit wurde.