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Wer zu früh kommt, den bestraft das Amt
12.11.2009, 14:37 Uhr
Von Jörg Hausmann
Nicht alles lief rund nach dem Mauerfall (Foto: dpa)Jürgen Hagers Mauerfall fand nicht am 9. November 1989 statt, und auch nicht in Berlin. Dem in der DDR diplomierten Lehrer für Mathematik und Physik riss am 30. September 1989 niemand Geringerer die Mauer ein als Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher. Mit Jürgen Hager freuten sich damals in der bundesrepublikanischen Botschaft in Prag Tausende über den berühmtesten Dreiviertel-Satz der jüngeren deutschen Geschichte. Ihr Weg gen Westen war frei.
Und nicht nur ihrer: Profitiert haben von Mut und Durchhaltevermögen der Botschaftsflüchtlinge alle DDR-Bürger. Jürgen Hager aber nicht. Zumindest nicht beruflich. Für seine Anerkennung als Studienrat klagte er jahrelang vergebens gegen das Land Hessen. Längst hat er aufgegeben.
Fehlende "Bewährungsfeststellung“
Dass Kollegen aus der ehemaligen DDR mit identischen Studienabschlüssen in den alten Bundesländern problemlos ihre Anerkennung als Studienräte erhielten und deshalb an Gymnasien unterrichten dürfen, liegt an der so genannten "Bewährungsfeststellung“. Im Gegensatz zu Hager haben sich Kollegen, die heute Seite an Seite mit dem 60-Jährigen an der Gesamtschule Hermann Hesse in Obertshausen unterrichten, noch im Osten "bewährt“, als Hager mit Familie bereits im Westen weilte. Das Glück der einen ist sein Pech.
Abschluss 1972 in Dresden
"Ich habe sämtliche Abschlüsse drüben gemacht“, erklärt Hager. Er erwarb zum 1. Juli 1972 an der Pädagogischen Hochschule in Dresden sein Lehrdiplom in den Fächern Mathematik und Physik. "Die nach mir gekommen sind, haben dieselben Abschlüsse gemacht, sind dann aber wegen der so genannten Bewährungsfeststellung nach einem Referendariat Studienräte geworden. Mit demselben Abschluss. Und ich nicht. Das finde ich ungerecht. Es geht mir um keine Nachzahlungen, sondern um die reine Anerkennung.“
In Sachsen wäre er Studienrat
Das sächsische Kultusministerium bestätigte Hager mit Schreiben vom 2. September 1998, dass er "berechtigt wäre, im Freistaat Sachsen als Mittelschul- oder als Gymnasiallehrer tätig zu sein. Nicht aber in Hessen. Die Anerkennung als Studienrat blieb ihm dort trotz eines mehrjährigen Verwaltungsrechtsstreits gegen das Land, der 2004 endete, verwehrt. Wohl für immer. "Der Widerspruchsführer hat keinen Anspruch auf Gleichstellung mit den nach Hessischem Landesrecht ausgebildeten und eingestuften Lehrkräften der Sekundarstufe 2“, schrieb das Amt für Lehrerausbildung Hagers Anwalt am 2. Oktober 2003. Ironie der Geschichte, dass tags drauf zum 14. Mal der Tag der Deutschen Einheit gefeiert wurde.
Beschluss der Kultusminister aus dem Mai 1993
"Eine Gleichstellung der Diplom-Lehrer mit Lehrern der Sekundarstufe 2 wurde explizit nicht vorgenommen“, stützte sich das Urteil auf den Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 7. Mai 1993. Ausnahme: Lehrkräfte, die sich bis zur Vollendung der Einheit noch in den neuen Bundesländern "bewährten“ und von der neu gewonnenen Freiheit erst danach Gebrauch machten.
Das Glück der späten "Flucht“
Wie eine Kollegin Hagers, die aus Mecklenburg-Vorpommern "rübermachte“. Später als er, was ihr unverhofftes Glück wurde. Ihre Studienabschlüsse aus DDR-Tagen seien absolut vergleichbar. "Sie hat auch erst hier gemerkt, dass sie einen Vorteil hatte, länger geblieben zu sein. Sie hat beim Petitionsausschuss des Landtags einen Antrag gestellt. Und der ist sofort genehmigt worden. Da war ich erstaunt und entsetzt.“
"Verfassungswidrige Ungleichbehandlung“
Hager war wegen seiner dem Regime der DDR nicht passenden politischen Gesinnung 1989 bereits aus dem Schuldienst entfernt worden und hatte einen jahrelang blockierten Ausreiseantrag laufen. Er konnte seine Arbeit nach der Flucht praktisch nur in den alten Bundesländern wieder aufnehmen und sich somit nicht in den neuen "bewähren“. Ohne zu wissen, dass diese "Bewährung“ anschließend Kriterium für eine Stelle als Studienrat sein würde. Sein Anwalt nannte dies im letzten Schreiben an das Verwaltungsgericht Darmstadt vom 7. Januar 2004 eine "verfassungswidrige Ungleichbehandlung“. Nach einem Referendariat kam Hager aus den beschriebenen Gründen über die Einteilung in die Sekundarstufe 1 nicht hinaus. An seiner Schule ist der beliebte Lehrer seit 1992 tätig.
Nochmals durchs Grundstudium?
Hager erläutert, was das hessische Amt für Lehrerausbildung knapp drei Jahrzehnte nach seinem Erwerb des Diploms von ihm forderte: „Ich hätte nochmal einen Teil meines Studienabschlusses machen müssen. Wofür das denn? Meine Kollegin hat auch keinen Studienabschluss nachgemacht. Die ist ein paar Mal hospitiert worden, das war alles. Das ist doch ein Witz! Und mir drohen sie an, ich solle nochmals zwei Semester studieren. Grundstudium! Dabei war eine Kollegin, die mit mir im Referendariat war, mit ihren Unterlagen aus Mathe- und Physikvorlesungen im Osten an die Frankfurter Uni gegangen. Dort hat ihr ein Professor gesagt: 'Sie haben im Osten wesentlich mehr Stoff gehabt als wir hier machen.‘ Und dann soll ich hier nochmal studieren? Das wäre die Krönung gewesen. In den Naturwissenschaften war unsere Ausbildung im Osten wesentlich besser als hier.“
Teure Niederlage
Er vermutet, "dass die Kultusministerien die Anerkennung verweigern, weil sie befürchten, dass ansonsten eine Klagewelle kommt und sie Geld nachzahlen müssen. Das Finanzielle aber liegt mir fern.“ Fast 25.000 Euro Gehalts dürften Hager allerdings auf Grund des verweigerten Status‘ als Studienrat mittlerweile durch die Lappen gegangen sein.
Zeit, sich zu bedanken
Spätestens mit dem Mauerfall wurden "Widerständler“ wie er gefeiert, vor allem als Wegbereiter für ihre Landsleute im Osten. Ohne Prag und Menschen wie Hager hätte es keine Wiedervereinigung gegeben. "Am 1. Oktober war ich 20 Jahre im Westen. Zur Feier des Tages habe ich zwei Flaschen Sekt in die Schule mitgenommen. Ich habe mit der Kollegin ein Glas Sekt getrunken. Die hat sich bei mir bedankt. Denn ohne mich wäre es nie passiert, dass sie hierher gekommen wäre. Ich hätte mit dafür gesorgt, da ich zu den Tausenden in der Prager Botschaft gezählt habe, dass sie den Osten verlassen konnte“ – und heute Studienrätin ist.
Quelle: t-online.de