Hans-Dietrich Genscher ist der Held der Ereignisse von Prag - dagegen ist das Verdienst des damaligen Kanzleramtschefs Rudolf Seiters (links) heute fast vergessen (Foto: dpa)
Den Satz kennt fast jeder. Nur wie er zu Ende ging, weiß kaum jemand. Am 30. September 2009 ist es auf den Tag genau 20 Jahre her, dass der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon der bundesdeutschen Botschaft in Prag verkündete: "Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ..." - der Rest ging im Jubel von 4000 DDR-Flüchtlingen unter, von denen manche schon seit Wochen auf eine solche Ankündigung gewartet hatten.
Viele bekommen heute noch eine Gänsehaut, wenn die Szene wieder einmal im Fernsehen läuft. Und nicht wenigen steigen jedes Mal die Tränen in die Augen. Ausgerechnet Genscher jedoch hat den wichtigsten Satz seiner Karriere neuerdings nicht mehr ganz richtig in Erinnerung. In einem "Bild"-Interview sagte der 82-Jährige kürzlich, der Satz habe so gelautet: "Ich bin zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise möglich geworden ist."
Abgesehen davon, dass kaum jemand die letzten drei Wörter verstehen konnte: Der Satz begann damals keineswegs in der Ich-Form. Der Satz steht heute in der historisch korrekten Form - "Wir sind zu Ihnen gekommen ..." - auf einer Bronzetafel, die das Auswärtige Amt auf dem Balkon der Botschaft anbringen ließ - mit den letzten drei vom Lärm verschlungenen Worten.
Der Mann im Schatten
Denn Genscher stand an jenem Abend nicht allein auf dem Balkon, sondern zusammen mit einem Dutzend anderer Männer. Vor allem hatte der damalige FDP-Chef Rudolf Seiters an seiner Seite. Der CDU-Mann war wegen der deutsch-deutschen Besonderheiten als Kanzleramtsminister für die Verhandlungen mit der DDR zuständig.
Konkurrenz in der Regierung
Schon seinerzeit war die Konkurrenz zwischen dem von der FDP geführten Außenministerium und dem Kanzleramt unter CDU-Leitung kein Geheimnis. Auch heute noch arbeiten beide Seiten an ihrem Eintrag in den Geschichtsbüchern. Und in den letzten Tagen vor der Bundestagswahl, nach der es nun wieder einen FDP-Außenminister geben wird, war Genscher besonders aktiv.
Ein gemeinsamer Erfolg
Nach Einschätzung der meisten Historiker machten aber erst Seiters und Genscher gemeinsam den Erfolg von Prag möglich. Das Drama zog sich über mehrere Wochen hin. "Wir haben seit Mitte August pausenlos mit Ost-Berlin verhandelt", erinnert sich der heute 71 Jahre alte Seiters. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl kurierte in den entscheidenden September-Tagen zuhause in Ludwigshafen eine Erkrankung aus. Genscher selbst hatte gerade einen Herzinfarkt hinter sich.
Unterschlagenes Detail
Bei der UN-Vollversammlung traf er neben den Außenministern aus den USA, Großbritannien, Frankreich und Sowjetunion auch den DDR-Kollegen Oskar Fischer. Noch in New York erfuhr Genscher, dass der Ständige Vertreter der DDR in Bonn, Horst Neubauer, dringend um einen Termin gebeten hatte. Das Gespräch fand dann am nächsten Morgen, einem Samstag, um zehn bei Seiters im Kanzleramt statt - ein Detail, das Genscher heute gern unerwähnt lässt.
Die Bedingung
"Neubauer teilte uns mit, dass die DDR in einem einmaligen humanitären Akt bereit sei, die Ausreise der Flüchtlinge zu gestatten", so Seiters. "Bedingung war, dass die Züge aus Prag noch einen Umweg über DDR-Gebiet fahren, nicht direkt in die Bundesrepublik." Damit sollte nach außen hin das Gesicht gewahrt werden. Die DDR gab anfangs auch die Zusage, dass Genscher und Seiters die ersten Flüchtlinge zur Sicherheit begleiten dürfen.
Vereinbarung gebrochen
Die Minister machten sich dann mit einer Bundeswehr-Maschine sofort auf den Weg. Einen TV-Auftritt bei "Wetten, dass..?" sagte Genscher ab. Noch in der Luft konterte der Medienprofi seinen Kabinettskollegen dann aus: Obwohl vereinbart war, dass der Flug geheim bleiben sollte, gab es noch vor der Landung die erste Meldung, dass Genscher auf dem Weg nach Prag sei.
"Genau überlegte" Worte
Von der Zusage, dass die beiden Minister in den Zügen mitfahren dürfen, wollte die DDR dann nichts mehr wissen. Die anderen Vereinbarungen jedoch hatten Bestand. Auf dem Balkon ergriff nur Genscher das Wort. "Ich hatte mir schon sehr genau überlegt, was ich sage. Einerseits ging es darum, jegliches Auftrumpfen gegenüber der DDR-Führung zu unterlassen. Andererseits war es wichtig, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen", erinnert sich der ehemalige Außenminister. Vom vorbereiteten Text blieb nur wenig übrig.
Fast vergessen
Als im Abenddunkel das Blitzlichtgewitter losging, stand Seiters im Schatten - und daran hat sich bis heute kaum etwas geändert. Die Genscher-Worte gehören heute zum nationalen Erinnerungsgut. Der Balkon ist als "Genschers Balkon" bekannt. Auch auf der Plakette, die dort an die Ereignisse erinnert, steht nur der Name des damaligen Außenministers. Aber immerhin: Zur 20-Jahr-Feier am Mittwoch wurde auch Seiters eingeladen. Nachträglich. Zunächst hatte man ihn vergessen.