Ein Flüchtlingscamp: Die deutsche Botschaft in Prag im September 1989 (Foto: dpa)
Eine dicke, übermannshohe Steinmauer trennt das Gelände der deutschen Botschaft in Prag von der Straßenseite. Von hinten schützt ein Sicherheitszaun den Botschaftsgarten mit Blick auf den Petrin-Berg. Vor 20 Jahren bedeutete diese Barriere das vorerst letzte Hindernis für mehrere tausend DDR-Flüchtlinge. Tilo Beutmann kletterte am 25. September 1989 in Richtung Freiheit. "Zum Glück stand dort eine große Kabeltrommel, auf die bin ich draufgestiegen, dann nahmen einige Leute meine Hände - und ich hatte es geschafft", erinnert sich der heute 43-Jährige.
Christian Bürger wurde damals in der deutschen Botschaft in Prag zum Sprecher der DDR-Flüchtlinge gewählt (Foto: dpa)Endlich angelangt in Westdeutschland, wenn auch vorerst nur auf diplomatisch geschütztem Terrain in Prag - so ging es Beutmann durch den Kopf und all den anderen, die ihr bisheriges Leben 1989 radikal umkrempelten. Christian Bürger wurde damals zum Sprecher der Flüchtlinge gewählt. Er vertrat rund 4000 Menschen, als nach Tagen des ungewissen Wartens Außenminister Hans-Dietrich Genscher am 30. September vom Balkon der Botschaft den Wartenden verkündete, dass sie in den Westen ausreisen können.
Gänsehaut noch heute
"Wir sind uns in die Arme gefallen", zeichnet der 53-jährige Bürger den Moment nach, als klar wurde: Das Risiko hatte sich gelohnt. "Das kann man nicht erklären", sagt auch Beutmann und erinnert sich an "Riesengeschrei, viele haben Tränen vergossen". Wann immer sie Fotos oder TV-Bilder der dramatischen Tage sehen, laufe ihnen noch heute eine Gänsehaut über den Rücken, bekennen beide.
Jeder der Flüchtlinge hatte seine ganz eigenen Gründe, die DDR hinter sich zu lassen und mit der Flucht alles auf eine Karte zu setzen. Oft waren Ausreiseanträge in Ost-Berlin abgelehnt worden, viele erlebten danach berufliche und gesellschaftliche Diskriminierung. Diese Menschen sahen keine Perspektiven mehr in der DDR. Viele der damaligen Flüchtlinge tauschen sich seit einem Jahr in einem Internetforum (www.botschaftsfluechtlinge.de) über ihre Erfahrungen aus.
Aus dem Nachtzug herausgeholt
Christian Bürger schildert, wie er aus dem Nachtzug Richtung Prag von DDR-Grenzposten herausgeholt wurde. "Dabei dachte ich, die haben da keine große Lust zum Filzen." Er wurde zurückgeschickt - mit der Auflage, sich schnellstens bei der zuständigen Behörde zu melden. Wegen früherer Fluchtpläne stand er nach einer Gefängnisstrafe unter Bewährung.
Gesprungen wie ein Reh
Doch der junge Mann meldete sich nirgendwo, sondern packte zu Hause seinen Rucksack neu. Dann ging es mit Tarnkleidung zur "grünen Grenze". "Dort habe ich dann die halbe Nacht im Gebüsch liegend die Grenzposten beobachtet. Und als es für mich günstig war, bin ich in schnellen Sprüngen wie ein Reh auf der Flucht vorm Jäger rüber nach Tschechien."
Lose Seite im Ausweis
Auch Beutmann hatte Probleme an der Grenze. Dem tschechoslowakischen Grenzbeamten fiel auf, "dass ich eine Seite im Ausweis, die lose war, sorgfältig wieder eingeklebt hatte". Der Grenzer habe über die "gute Arbeit" geschmunzelt. "Aber danach machte er mir klar, dass ich so nicht einreisen darf." Einen Stempel später gelang die Republikflucht doch noch.
Erinnerung an die Hilfsbereitschaft
Immer wieder betonen die einstigen Flüchtlinge, wie hilfsbereit die Prager Einwohner und das westdeutsche Botschaftspersonal waren. Die Versorgung aus Gulaschkanonen, die improvisierten Schlafplätze in Zelten und Nebengebäuden der diplomatischen Vertretung - all das gehörte dazu. Doch die teilweise chaotischen Verhältnisse sind heute kein Thema mehr.
"100-prozentig angekommen"
Flüchtlingssprecher Christian Bürger ging nach seiner Ankunft im Westen in die Gastronomie, arbeitete im Bayerischen Wald, in Österreich und Spanien. "Es war wichtig, dass ich damals weggegangen bin." Heute leitet er seine eigene Firma für Gastronomie-Dienstleistungen bei Chemnitz in Sachsen. Tilo Beutmann sagt über sein Leben als Versicherungskaufmann im oberpfälzischen Neunburg vorm Wald: "Ich bin inzwischen 100-prozentig hier angekommen."