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"Wo bist du mein Kind": Zwangsadoptionen in der DDR

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"Wo bist du, mein Kind?"

05.10.2009, 09:15 Uhr | rev

Jens wurde seiner Mutter als Baby weggenommen, weil das damalige Regime der DDR seine Mutter bestrafen wollte. Ein Schicksal, das Jens bis heute nicht ruhen lässt. (Foto: ZDF) Jens wurde seiner Mutter als Baby weggenommen, weil das damalige Regime der DDR seine Mutter bestrafen wollte. Ein Schicksal, das Jens bis heute nicht ruhen lässt. (Foto: ZDF)

Ideologisch motivierte Zwangsadoptionen gehören zu den dunkelsten Kapiteln des SED-Regimes. Die staatliche Willkür traf nicht nur politische Gegner; unter den Opfern waren auch Bürger, die sich dem DDR-System angepasst hatten. Die Filmemacherinnen Mirjana Momirovic und Caroline Haertel begleiteten für ihre Dokumentation "Wo bist du, mein Kind?" Eltern und Kinder, die im Namen des Staates voneinander getrennt wurden und noch 20 Jahre nach dem Fall der Mauer im Unklaren über das Schicksal ihrer Angehörigen sind.

Zwangsadoptionen trafen beispielsweise auch Personen, die als asozial eingestuft wurden und denen man die Erziehung von Kindern nicht zutraute. So erging es Erika T.: Als 1985 der Arzt bei ihr die Schwangerschaft feststellt, fragt er sofort, ob sie das Kind zur Adoption freigeben wolle. Dies kommt jedoch für die junge, alleinerziehende Mutter eines vierjährigen Sohnes nicht in Frage. Als der Arzt gegen Ende der Schwangerschaft den Druck auf die werdende Mutter erhöht und droht, man werde ihr den älteren Sohn wegnehmen, wenn sie bei ihrer Weigerung bleibt, hält Erika T. dem Druck nicht stand. Eine Woche vor der Entbindung gibt sie ihre Einwilligung für die Adoption - eine Entscheidung, die sie bis heute bereut.

Erika T. kann nicht verwinden, dass der DDR Staat sie damals so unter Druck setzte, dass sie ihren Sohn zur Adoption freigegeben hat. (Bild: ZDF) Erika T. kann nicht verwinden, dass der DDR Staat sie damals so unter Druck setzte, dass sie ihren Sohn zur Adoption freigegeben hat. (Bild: ZDF)

Adoption hinterließ Spuren

Mehr als zwanzig Jahre dauert es, bis das Telefon bei Erika klingelt und ihr Sohn am anderen Ende der Leitung ist. Es kommt zum Treffen. Ein Jahr lang pflegen Erika T. und ihr erwachsener Sohn eine gute Beziehung zueinander, doch dann kommt es vermehrt zu Spannungen: Die Adoption hatte ihre Spuren hinterlassen. Nach einem Streit bricht Erikas Sohn den Kontakt zu seiner leiblichen Mutter ab, womit seine Mutter ihn zum zweiten Mal verliert. Die Hoffnung, dass sie mit ihrem Sohn wieder zusammenfinden wird, gibt sie nicht auf.

Zwangsadoption nach Fluchtversuch

Auch Andreas L. darf seinen Sohn nicht großziehen. Als er nach einer vereitelten Republikflucht verhaftet und zu fünf Jahren Haft verurteilt wird, werden er und seine Frau unter Druck gesetzt, das Baby zur Adoption freizugeben. Andreas wehrt sich, doch als Häftling hat er keine Rechte. In einem kurzen Prozess wird ihm die Vaterschaft aberkannt und sein Sohn zur Adoption freigegeben.

Recht macht keinen Unterschied

Das ist 24 Jahre her. Seitdem weiß Andreas nichts über seinen Sohn. Seit der Wende versucht er ihn zu finden. Doch das Adoptionsgesetz macht keinen Unterschied zwischen freiwilliger Adoption und Zwangsadoption. Andreas hat kein Recht, Kontakt zu seinem Sohn vermittelt zu bekommen. Immer wieder stellt er Anträge beim Jugendamt, die Suche bestimmt sein Leben und das seiner neuen Familie. Schließlich erhält er vom Amt Fotos von seinem Sohn und weiß nun wenigstens, wie er aussieht. Auch er will die Hoffnung auf ein Treffen mit seinem Sohn nicht aufgeben. Inzwischen hat er einen Privatdetektiv engagiert, weil ihm der Weg über das Jugendamt zu lange dauert.

Jens war 36, als er seinen leiblichen Vater endlich gefunden hat. Ihm ist es wichtig zu wissen, dass seine Eltern damals in der DDR extrem unter Druck gesetzt wurden, ihn wegzugeben. (Bild: ZDF/Andre Zschocke) Jens war 36, als er seinen leiblichen Vater endlich gefunden hat. Ihm ist es wichtig zu wissen, dass seine Eltern damals in der DDR extrem unter Druck gesetzt wurden, ihn wegzugeben. (Bild: ZDF/Andre Zschocke)

Auf der Suche nach den Eltern

Ein drittes Schicksal ist das von Jens-Marcel: Er ist auf der Suche nach seinen leiblichen Eltern. "Ich habe es nur zufällig erfahren. Ein Schulkamerad hat immer komische Andeutungen gemacht, und irgendwann hatte er mir auch gesagt, dass er weiß, dass ich adoptiert bin", erzählt Jens-Marcel. "Ab dem Moment wollte ich unbedingt wissen, von wem ich stamme und machte mich auf die Suche nach meinen Wurzeln."

Belastung für die neue Familie

Der große Aufwand und die Zeit, die er aufbringt, um die Geschichte seiner Mutter zu erfahren und zu verstehen, belastet seine eigene Familie. Es bestimmt wesentlich sein Leben. Mittlerweile ist es ihm gelungen, seinen leiblichen Vater ausfindig zu machen und zu ihm Kontakt aufzubauen. Ebenfalls machten ihm seine bisherigen Recherchen, die auch die Stasi-Akte seiner Mutter einschlossen, deutlich: Seine Mutter hatte ihn auf jeden Fall gewollt. Auch in diesem Fall muss es also zur Zwangsadoption gekommen sein. Und damit nicht genug: Als Jens-Marcels Vater seinen Sohn damals selbst adoptieren und zu sich nehmen wollte, wurde ihm das nicht gestattet.

Opfer erlitten oft seelische Qualen

Jahrzehnte gab es nur Vermutungen über Zwangsadoptionen in der DDR. 1975 schrieb dann "Der Spiegel" erstmals über das Thema, woraufhin der Ostberlin-Korrespondent des Magazins ausgewiesen wurde. 1991 wurden schließlich in einem Ostberliner Keller der ehemals staatlichen Jugendhilfe entscheidende Dokumente gefunden. In ihnen sind in mehreren Fällen eindeutig politische Gründe für die Zwangstrennungen aufgeführt. Zwangsadoptionen wurden in der DDR sowohl gegen die Familien der Republikflüchtigen als auch gegen die Familien der Regimekritiker eingesetzt. Die seelischen Qualen, die den Eltern damit zugefügt wurden, führten oft zu schweren körperlichen und seelischen Krankheiten bis hin zum Selbstmord. Bis heute gibt es keine genauen Angaben darüber, wie viele Zwangsadoptionen stattfanden. Die Zahlen schwanken zwischen einigen hundert und 7000.

Weitere persönliche Berichte im Mauerfall-Blog


Quelle: t-online.de

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