19.11.2008, 08:18 Uhr
Der frühere Guantánamo-Häftling Murat Kurnaz ist für die einen ein Opfer, andere sehen in ihm eine dubiose Figur, wenn nicht gar eine mögliche Gefahrenquelle. t-online.de traf den 26-jährigen Deutschtürken in seiner Heimatstadt Bremen und erlebte einen jungen Mann, der mit dem Bild vom "Bremer Taliban" nichts gemein hat.
Murat Kurnaz im November 2008 in einem Café in Bremen (links) und kurz nach seiner Freilassung im August 2006 (Fotos: C. Kreutzer/dpa)
Mir geht es gut. Ich fühle mich wohl in Deutschland.
Ich weiß, dass es vielen Ex-Häftlingen aus Guantánamo sehr schlecht geht, aber ich bin einer der wenigen, die es überlebt haben und denen es auch gut geht. Es sind ja auch einige unter der Folter gestorben, die ich selbst gesehen habe.
Fünf Jahre eines LebensDie Geschichte von Murat Kurnaz
Mein Glaube hat eine große Rollte gespielt. In meinem Glauben geht es darum, nie die Hoffnung aufzugeben. Das habe ich versucht und es hat geklappt.
Also ich habe mich nie als einen tiefgläubigen Moslem gesehen und so war es auch nie. Es war auch nicht mein Glaube, der mich in Schwierigkeiten gebracht hat, sondern ich selbst. Ich sage damit nicht, dass ich etwas falsch gemacht habe, sondern dass ich zur falschen Zeit am falschen Ort war …
Den eigentlichen Fehler haben die Politiker begangen, indem sie nichts gegen meine Haft unternommen haben. Das war deren Fehler und nicht meiner.
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Ich habe viele Freunde verloren. Ich habe früher als Türsteher gearbeitet und gesehen, wie Jugendliche drogensüchtig wurden und kaputt gingen. Ich wollte etwas dagegen tun. Dann habe ich die Prediger von der Tablighi Jama'at getroffen und gesehen, wie sie drogensüchtigen und obdachlosen Jugendlichen halfen, ein Zuhause zu finden, und dabei sehr erfolgreich waren. Die Tablighis haben mittlerweile mehr als 40 Millionen Mitglieder weltweit. Es ist die zweitgrößte islamische Organisation, nach der Pilgerfahrt nach Saudi-Arabien. Sie haben eine riesige Schule in ihrem Herkunftsland Pakistan. Nach mehreren Gesprächen habe ich mich entschlossen, die Schule zu besuchen.
Das ist nicht wahr. Die Tablighis sind unpolitisch. Sie wollen Mensch in Not helfen und sind gegen Gewalt und Krieg.
Ich habe eine sehr schöne Zeit verlebt und es gab absolut keine Probleme. Als ich losgefahren bin, hatte der Krieg ja noch nicht angefangen. In Pakistan bekam man nur in den Nachrichten etwas davon mit.
Heute würde ich es natürlich nicht mehr tun. Aber damals dachte ich einfach, dass es keine Probleme geben würde.
Ich würde mich ganz bestimmt nicht irgendwo hineinziehen lassen. Auch mit 19 war ich schon in der Lage, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden.
Es ist traurig, dass Leute den Islam für Verbrechen missbrauchen. Sie haben diesen Glauben nicht verstanden und sind auf einem völlig abgedrehten Trip. Leider gibt es immer wieder Jugendliche, die berühmt werden wollen, egal unter welchen Bedingungen.
Ich würde mich mit ihnen hinsetzen und ihnen ausführlich erklären, was Sache ist. Viele Jugendliche, die auf dem falschen Weg sind, verstehen, wenn man sich in Ruhe mit ihnen unterhält.
Ich kann ja nicht wegen Bush und seiner Politik auf alle Amerikaner wütend sein. Es sind bestimmte Leute gewesen, die das angeordnet oder getan haben und es steckt eine ganz bestimmte Politik dahinter und nicht die Amerikaner selbst. Jeder weiß heute, dass es viele Amerikaner gab, die absolut gegen all das waren, was dort passierte. Ich habe heute auch amerikanische Freunde, mit denen ich gut klarkomme und jetzt gibt es in den USA sogar einen schwarzen Präsidenten. Dass es sogar Rechtsextremisten gibt, die ihn gewählt haben, zeigt ja, wie sehr die Amerikaner Bush gehasst haben.
Sie sind der erste Journalist, der dieses Zitat anspricht. Das war ein amerikanischer Leutnant. Ich sagte ihm: "Natürlich weiß ich, was die Nazis mit den Juden gemacht haben. Ich komme ja aus Deutschland." Es war, als würde er in mir einen SS-Mann sehen, den er bestrafen wolle.
Es gibt einige Deutsche, die mich zum Türken machen wollen und einige Türken, die mich zum Deutschen machen. Das sind die in der Türkei.
Ich sehe mich als einen Menschen, der in Deutschland geboren und aufgewachsen ist. Deutschland ist das einzige Land, in dem ich lebe und immer gelebt habe. Wie jeder andere Deutsche auch.
Mehr Deutscher, ja. Ich bin in der Türkei nur zum Urlaub gewesen und habe nie dort gelebt. Da ist es ganz natürlich, dass man sich nicht als Türke fühlen kann.
Ich habe zwar noch keinen deutschen Pass, aber ich werde bald einen bekommen.
Ich werde ihm ganz bestimmt nicht verzeihen. Wieso sollte ich auch. In Deutschland gibt es das Gesetz, dass man nicht vorbeifahren darf, wenn man Zeuge eines Unfalls wird. Sonst macht man sich wegen unterlassener Hilfeleistung strafbar. Bei ihm war es so, dass er die Möglichkeit gehabt hätte, mich aus der Folter herauszuholen. Aber er hat es nicht getan, weil ich keinen deutschen Pass habe. Wenn man einen Unfall sieht, läuft man auch nicht hin und fragt: "Bist du Deutscher oder Ausländer?", bevor man Hilfe leistet.
Das ist lächerlich. Eine billige Lüge, mit der deutsche Politiker versuchen, sich des Vorwurfs zu erwehren, dass sie versagt haben, nachdem Ihr ganzes Spiel aufgeflogen ist. Wäre es so gewesen, dann hätten die Amerikaner bestimmt nicht 2002 meine Freilassung angeboten.
Leute, die so etwas sagen, sind entweder Bildzeitungsleser, die gar nichts über mich wissen, außer dem, was sie dort gelesen haben. Manchen ist es auch egal, wer ich bin, Hauptsache, Sie stehen auf der Seite ihrer Regierung. Ich wurde jahrelang von CIA, FBI, türkischen und deutschen Geheimdiensten verhört. Alle haben gesagt, dass ich unschuldig bin und keine Gefahr für Deutsche, Amerikaner oder Israelis darstelle - auch die Deutschen. Trotzdem hat die deutsche Regierung mich weiter foltern lassen, obwohl sie die Möglichkeit hatte, mich herauszuholen.
Es kann sein, dass man schon wusste, dass es diesen Kontakt mit der KSK in Kandahar gab - der deutschen Eliteeinheit, deren Angehörige mich verprügelt haben, und die offiziell gar nicht dort war, schon gar nicht in einem Foltercamp während des Krieges. Als mich Reporter bei meinem ersten Interview entgeistert fragten: "KSK-Soldaten in Kandahar?", wurde mir zum ersten Mal klar, was man der deutschen Bevölkerung alles verheimlicht. Regierungsmitglieder haben mir ja später noch vorgeworfen, ich würde lügen, was die Anwesenheit von KSK-Soldaten in Kandahar angeht, bis man es Ihnen nachgewiesen hat. Dann hieß es: Ja sie waren dort, aber es gab keinen Kontakt. Danach konnte ich auf Fotos die Soldaten identifizieren, die mich geschlagen hatten. Dann sagten sie: OK es gab einen Kontakt, aber er wurde nicht geschlagen.
Ich bin auf jeden Fall ein Beispiel. Ich wurde mit 19 eingesperrt und bin mit 25 wieder rausgekommen - alles ohne ein Gerichtsurteil.
Ja, die meisten sagen solche Sachen wie: Ist ja unglaublich, was du erlebt hast. Dann schimpfen sie auf Steinmeier und die anderen Politiker und gehen weiter.
Es gibt schon Leute, die mir gegenüber misstrauisch sind, aber meistens komme ich gut klar.
Als Erstes würde ich jedem, der hier geboren wird, einen deutschen Pass geben, damit die Leute, wenn sie volljährig werden, nicht vor der Frage stehen: Bin ich jetzt Ausländer oder Deutscher? Dann würde es viele Probleme bei dieser Frage nicht geben.
Im Moment bin ich sehr beschäftigt mit meinem Buch. Das wird in 13 Ländern veröffentlicht. Da gibt es eine Menge Interviewanfragen. Außerdem bin ich als Menschenrechtler tätig und arbeite mit Amnesty International und anderen Organisationen - meistens im Ausland.
Wenn ich im Ausland bin, ja. Ich bin öfter in England und dort gibt es sehr viele ehemalige Guantánamo-Häftlinge.
Er wird die meiste Zeit damit beschäftigt sein, den Dreck rauszuwaschen, mit dem George W. Bush die amerikanische Fahne beschmiert hat.
Ja, zunächst mal war es eine positive Erfahrung zu sehen, dass es dort wirklich Unschuldige gibt.
Ich habe jemanden gekannt, der Außenminister der Taliban war. Eines Tages lief er an mir vorbei und sagte: "Tschüss, ich werde entlassen." Und weg war er - lange vor mir. Das habe ich nie verstanden.
Das Interview führte Christian Kreutzer
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