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Islamische Superhelden aus Kuwait retten die Welt
28.05.2009, 11:55 Uhr | Von Anne-Beatrice Clasmann, dpa
Die Titelseite einer Ausgabe der Comicreihe "The 99": Gemeinsam mit westlichen Helfern kämpfen islamische Superhelden für Toleranz und Verständnis (Foto: dpa)
Wenn ein gläubiger Muslim von hasserfüllten Predigern in die Irre geleitet wird, sprengt er sich in New York, Bagdad oder London inmitten von Zivilisten in die Luft. Wenn ein gläubiger Muslim Toleranz zur seiner Lebensmaxime gemacht hat, dann erfindet er eine Comic-Serie über Superhelden, die Kinder in New York genauso begeistern kann wie ihre Altersgenossen in Saudi-Arabien oder Indonesien. Für den Coolness-Faktor sorgen dabei Comic-Profis aus den USA, die früher "Batman"- und "Superman"-Hefte illustriert haben.
Vor sechs Jahren hatte der Kuwaiter Naif al-Mutawa die Idee, eine Comic-Serie mit dem Titel "The 99" zu entwickeln, in Anlehnung an die 99 Namen Gottes im Islam. Jeder dieser Namen bezeichnet nämlich eine Eigenschaft, wie zum Beispiel "Der Wachsame" oder "Der Gerechte", die sich nicht nur auf "Allah", sondern auch auf Superhelden anwenden lassen.
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TV-Serie und Themenpark
Inzwischen arbeitet der internationale TV-Konzern Endemol, der durch Formate wie "Big Brother" und "Wer wird Millionär?" bekannt wurde, an einer Fernseh-Zeichentrickserie, die auf den Comics basiert. 26 Episoden sind geplant. Zunächst wird auf Englisch und Arabisch produziert. Die italienische Firma Panini, die unter anderem mit Superhelden-Comics und Sammelbildchen ihr Geld verdient, will die Comics, die bereits in zahlreichen arabischen Staaten, in Indonesien, Indien und den USA vertrieben werden, ab September in der Türkei verkaufen. In Kuwait wurde vor gut zwei Monaten der erste "The-99-Freizeitpark" eröffnet.
Naif al-Mutawa steht in seinem Büro in Kuwait-Stadt. Vor sechs Jahren hatte der Kuwaiter die Idee, eine Comic-Serie mit dem Titel "The 99" zu entwickeln (Foto: dpa)
Ideenfindung zwischen Glas, Stahl und Wüstensand
Wenn Al-Mutawa aus dem Fenster seines Büros in der elften Etage eines Hochhauses im Zentrum von Kuwait-Stadt blickt, sieht er inmitten von modernen Glas-Stahl-Konstruktionen ein Stück Wüste. Nur einige kleine alte Steinplatten ragen aus dem Sand. Es ist ein Friedhof, der einst am Rande einer sehr bescheidenen Stadt lag, die durch den Öl-Boom in den vergangenen vier Jahrzehnten rasant gewachsen ist. Heute liegen die Toten, die nach islamischer Vorstellung nicht umgebettet werden sollen, mitten im Stadtzentrum.
"Positive islamische Vorbilder"
Al-Mutawa ist ein frommer Muslim und ein moderner Weltbürger, der sich in New York genauso gut zurechtfindet wie in Dubai oder Amman. Mit seinen Comics will der Vater von fünf Söhnen "positive islamische Vorbilder" für muslimische Kinder schaffen.
"Genauso religiös wie Spiderman"
Trotzdem geht es in seinen Comic-Geschichten vordergründig überhaupt nicht um Religion. "The 99 ist ungefähr genauso religiös wie Spiderman", erklärt der 37 Jahre alte Geschäftsmann mit dem akkurat gestutzten Bart. Den islamischen Touch entdeckt nur, wer ganz genau hinschaut. Viele der 99-Superhelden, die nach den überall auf der Welt verstreuten Steinen der Weisheit aus Bagdad suchen, stammen aus der islamischen Welt.
Unter den Superhelden sind auch Westler
Da ist "Jabbar, der Mächtige" aus Saudi-Arabien und Rola Hadrami, die schwarz verschleierte Kämpferin aus dem Jemen. Doch zu den Helden gehören auch ein amerikanischer Rollstuhlfahrer namens John und ein Erfinder aus Ungarn. "Vom ersten Tag an habe ich diesen Comic auch mit Blick auf den amerikanischen und europäischen Markt und für die Leser in Japan und China konzipiert", erklärt Al-Mutawa.
Kein Kampf gegen "Ungläubige"
Die Helden des Kuwaiters kämpfen nicht gegen "Ungläubige", sondern gegen diejenigen, die "Weisheit und Wissen" vernichten wollen. Die Action-Story hat ein historisches Fundament - sie beginnt mit der Eroberung Bagdads durch die Mongolen im Jahr 1258 - und einen philosophischen Überbau, der aber dezent genug mit der Geschichte verwoben ist, um die Action-Freunde nicht zu stören.
Erfinder Al-Mutawa behandelte früher Folteropfer
Für Al-Mutawa, der mit dem Schreiben von Kinderbüchern begonnen hatte, ist "The 99" gleichzeitig Geschäft und Kampf für eine bessere Welt. Denn die Untiefen von Intoleranz, Diktatur und Grausamkeit hat der studierte Psychologe hautnah kennengelernt, als er in den 90er Jahren in den USA traumatisierte Folteropfer behandelte. Einige von ihnen stammten aus dem Irak, dem Nachbarland, das Kuwait 1990 besetzt hatte, bis die Truppen von Saddam Hussein von den Amerikanern und ihren Verbündeten vertrieben wurden.
Mitleid mit den Feinden von einst
Anders als viele Kuwaiter, die von den Irakern bis heute mit Wut und Verachtung sprechen, fühlt Al-Mutawa auch Mitleid mit den Gegnern von einst. Denn das, was die Folteropfer aus dem Irak und aus anderen arabischen Staaten ihm einst während ihrer Behandlung erzählt haben, hat aus Al-Mutawa einen Kämpfer für mehr Toleranz und kulturelle Verständigung gemacht. Vielleicht ist es auch kein Zufall, dass die Comicfigur Dr. Ramzi, die in "The 99" als Wissenschaftler auf der Suche nach den "magischen Edelsteinen" geht, mit Bart, Brille, Krawatte und Anzug fast genauso aussieht wie der umtriebige Dr. Mutawa selbst.
Quelle: dpa
, AFP