"Steinmeier hätte mich aus der Folter holen können"
18.11.2008, 13:34 Uhr
Von Christian Kreutzer
Murat Kurnaz im November 2008 in einem Café in Bremen (links) und kurz nach seiner Freilassung im August 2006 (Fotos: C. Kreutzer/dpa)Murat Kurnaz sieht aus, als käme er direkt aus einem Actionfilm: kurze Haare, Dreitagebart und Motorradklamotten. Dazu kommen Muskeln, die den Betrachter die eher geringe Körpergröße des 26-Jährigen vergessen lassen. Nichts mehr mit langen Haaren, einem Vollbart, der etwa bis zum Bauchnabel reicht, und traditioneller islamischer Kleidung.
So hatte sich der Bremer im Herbst 2006, kurz nach seiner Freilassung aus dem US-Gefangenenlager in Guantánamo Bay, der Öffentlichkeit präsentiert. Das Gerede vom "Bremer Taliban" hatte dadurch nicht gerade abgenommen.
Sechsmal die Woche mache er Krafttraining, erzählt Kurnaz beim Treffen mit t-online.de, mitunter zweimal am Tag. Dazu kommen verschiedene Sparringseinheiten - derzeit im Kickboxen. Kampfsport ist Kurnaz' Ding seit er sieben Jahre alt ist - eine typische Beschäftigung für Deutschtürken der zweiten und dritten Generation, wie Kurnaz in seinem Buch "Fünf Jahre meines Lebens" schreibt.
Er fühle sich wohl in Deutschland, sagt Kurnaz lapidar. Zurzeit reise er aber oft ins Ausland, häufig nach London, arbeite mit Amnesty International und anderen Menschenrechtsorganisationen zusammen.
Im Kreis der Promis
Zu seinen besseren Bekannten zählt jetzt der berühmte Spionage-Autor John Le Carré. Gerade haben sie sich bei Le Carrés Lesung in Hamburg getroffen - der Brite brachte dieses Jahr mit "Marionetten" einen neuen Thriller heraus. Dessen Hauptfigur "Issa" - der arabische Name für "Jesus" - ist an Kurnaz angelehnt. Nach der Lesung saßen sie noch mit Bundesfinanzminister Peer Steinbrück und anderen Gästen in einem Hamburger Lokal.
Buch in 13 Ländern veröffentlicht
Dabei ist Kurnaz kein Typ für die Promi-Ecke. Wichtiger als seine Rolle in "Marionetten" ist ihm sein eigenes Buch. 2007 hat er "Fünf Jahre meines Lebens" mithilfe seines Ghostwriters Helmut Kuhn geschrieben und veröffentlicht. Mittlerweile wird der sachlich und in ruhigem Ton verfasste Bericht seines Leidensweges in 13 Ländern verkauft.
Viele Freunde versanken im Drogensumpf
Kurnaz schildert darin seine Jugend als geborener Bremer. Eine Jugend zwischen Discos, Lehre, Türsteherjobs, Kampfsporttraining und Mädchengeschichten. Dann die Wende: Im Sommer 2001 besinnt sich Kurnaz auf seine religiösen Wurzeln. Missionare der Tablighi-Jama'at - einer pakistanischen Predigergemeinschaft mit pazifistischem Ansatz und vielen Millionen Mitgliedern - überreden den 19-Jährigen zu einer Reise nach Pakistan, um den Islam besser kennenzulernen. Dass er so viele Freunde im Drogensumpf habe versinken sehen, habe ihn zur Religion gebracht, sagt Kurnaz im Gespräch mit t-online.de.
Vorbereitung auf die Ehe
Kurz vor seiner heimlichen Abreise hat Kurnaz noch in der Türkei eine "Multesima" geheiratet: eine streng religiöse Frau, deren hohen Ansprüchen an einen rechtgläubigen Mann er habe gerecht werden wollen, schreibt Kurnaz. Die Reise nach Pakistan sollte ihn darauf vorbereiten.
Verhängnisvoller Anruf
Doch bei dieser Reise geht von Anfang an alles schief: Sein Freund und Begleiter Selcuk Bilgin wird wegen einer nicht bezahlten Strafe an der Ausreise gehindert. Wirklich verheerend wirkt sich für Kurnaz' Schicksal jedoch ein Anruf aus, den vermutlich Bilgins Bruder bei den Ausreisebehörden tätigt: Möglicherweise, um die Reise zu verhindern, behauptet er, Bilgin und Kurnaz hätten vor, sich den Taliban anzuschließen - eine Mitteilung, die später über Umwege an den Bremer Verfassungsschutz gelangt, von da an den Bundesnachrichtendienst und von dort letztlich zur CIA.
Ziellos durch Pakistan
Als Kurnaz in Pakistan ankommt, lehnen die Tablighis seine Einschreibung in die Schule wegen des bevorstehenden Krieges in Afghanistan und der Zusammenarbeit der USA mit den pakistanischen Behörden ab. Kurnaz zieht eine Weile von Schule zu Schule und entschließt sich nach wenigen Wochen, nach Deutschland zurückzukehren.
Elektroschocks im US-Lager
Doch mittlerweile lassen die USA in Pakistan Jagd auf fliehende Taliban machen. 3000 Dollar Kopfgeld werden für jeden Verhafteten gezahlt. Kurnaz wird festgenommen und an die Amerikaner ausgeliefert. Die bringen ihn nach Kandahar. In seinem Buch beschreibt Kurnaz, wie er und andere mit Elektroschocks gefoltert wurden. "Wo ist Osama bin Laden", hätten die Vernehmer immer wieder gefragt.
Kontakt mit der KSK
Ebenfalls in Kandahar macht Kurnaz seiner Beschreibung zufolge Bekanntschaft mit Mitgliedern der deutschen Elitetruppe KSK, die zu diesem Zeitpunkt offiziell gar nicht dort sind. Sie verprügeln und demütigen den Landsmann im Beisein lachender US-Soldaten, so Kurnaz.
Geheimdienstler hielten Kurnaz für harmlos
Dann im Januar wird Kurnaz nach Guantánamo Bay transportiert. Dort erwarten ihn Prügel, enge Käfige, Isolation, Hitze- und Kältefolter und die absolute Ungewissheit über sein weiteres Schicksal. Dabei sind die USA schnell von seiner Harmlosigkeit überzeugt und teilen dies auch deutschen Agenten mit, die gekommen sind, um Kurnaz zu verhören. Auch die sehen in ihm keinen Gefährder und melden dies nach Berlin.
Schröder-Regierung lehnte Rückkehr ab
Dann folgt der nächste Schlag: Im Herbst 2002 bieten die USA Kurnaz' Freilassung an. Allein: Die Schröder-Regierung unter Federführung des Kanzleramtsministers Frank-Walter Steinmeier teilen den US-Behörden mit, Kurnaz sei in Deutschland unerwünscht. Die Folge: vier weitere Jahre für Kurnaz in Guantánamo.
Frau ließ sich scheiden
Als Bundeskanzlerin Merkel im Sommer 2006 endlich seine Freilassung durchsetzt, hat Kurnaz fünf Jahre seines jungen Lebens verloren. Seine Frau hat die Ungewissheit nicht ertragen und sich scheiden lassen. Sein Schicksal ist mittlerweile allgemein bekannt. Als aber auch bekannt wird, welchen Anteil die frühere Bundesregierung daran hat, wehren sich Steinmeier und der frühere Innenminister Otto Schily. Kurnaz wird erneut als gefährlicher Extremist dargestellt, vor dem man Deutschland habe schützen müssen.
"Steinmeier hätte mich aus der Folter holen können"
Heute hat sich Kurnaz mit seinem Schicksal ausgesöhnt und kämpft für andere Gefangene. Steinmeier aber, so sagt er, könne er nicht verzeihen. Der habe sich unterlassener Hilfeleistung schuldig gemacht. Der SPD-Kanzlerkandidat, sagt Kurnaz, "hätte mich aus der Folter holen können und hat es nicht getan."