19.07.2011, 13:47 Uhr | Ein Kommentar von Alexander Kissler
(Foto: The European)
Im Theaterstück "Sieben Türen" von Botho Strauß kann sich ein wohnungssuchender Großstadtbewohner nicht darüber beruhigen, dass es so etwas geben soll: ein Haus im Haus. Der damals neue architektonische Schrei war bis zu seinen Ohren nicht vorgedrungen. Immer wieder ruft der Mann ungläubig aus: "Ein Haus im Haus? Ein Haus im Haus?"
Das Wundern über diese besondere Konstruktion will uns 2011 nicht gelingen - solche Kostbarkeiten finden sich dutzendfach auf jeder Immobilienanzeigenseite. Auch der Deutschen liebstes Streitobjekt, die Kirche, hat sich zu einem Haus im Haus entwickelt. Da stehen die alten Fassaden und Ehrfurcht gebietende Dachfirste und sorgsam verzierte Fenstersimse noch, die auf eine stolze, traditionsbewusste Katholizität deuten. Im Innern aber wächst und wuchert ein anderes, ein neukatholisches, nationalkirchliches Glaubenshaus. Es hat nur den Namen mit der weltweiten katholischen Kirche gemein.
Jüngst in Mannheim wurde zum Auftakt eines vierjährigen "Dialogprozesses" weniger dem Dialog der Prozess gemacht (was innovativ gewesen wäre) als der Kirche (wie es üblich ist). Der Mehrheit der kirchensteuergepolsterten Dialogprofis kann es nicht schnell genug gehen mit einer Selbstauflösung der katholischen Kirche: Priestermacht in Laienhand, Frauen an den Altar, viel mehr Protestantismus, viel weniger Bibel und am liebsten gar keinen Papst.
Das Mannheimer Treffen war ein Meilenstein auf dem Weg zur deutschen Nationalkirche. Es könnte in die erste Kirchenspaltung münden, an deren Beginn nicht die Lust an der Häresie stand, sondern die ganz alltägliche Bildungskatastrophe: Dieses Schisma wäre Frucht einer umfassenden Unkenntnis von Schrift und Tradition, Geschichte und Dogma.
Auf vielen Ebenen nehmen derzeit unter dem Motto "Schöner wohnen, leichter glauben" die Abriss- und Umbauarbeiten ihren Lauf. Die Aufsicht liegt in den bewährten Händen der Jesuiten, die einstmals dem Kirchenoberhaupt besonders verpflichtet waren. Heute fordern sie, mit allen Konsequenzen, einen "Gehorsam (…) gegenüber der Wirklichkeit". So steht es im Impulspapier, das der Provinzial der deutschen Jesuiten, Stefan Kiechle, am 31. Mai 2011 in Hamburg vorlegte, um die Generalvikare der deutschsprachigen Bistümer zu erbauen.
Außerdem schreibt Jesuitenchef Kiechle unter der Überschrift "Wege aus der Krise - Wie kann unsre [sic!, Anm.d.Verf.] Kirche ihre Glaubwürdigkeit wiedergewinnen?": Das Kirchenrecht passe "in manchem nicht mehr auf die Wirklichkeit". Die Kirche dürfe "keine naturrechtlichen Schnellschüsse" produzieren, sondern müsse in den "Dialog mit den Wissenschaften" treten und "den Menschen in den Mittelpunkt" stellen. Dabei sei "dem Gewissen (zu) folgen".
Zuvor hatte auf derselben Generalvikarskonferenz die Leiterin des Osnabrücker Seelsorgeamts dargelegt, weshalb die Frauenfrage ein "Zeichen der Zeit" sei, bei dem es "die rechtlich möglichen Spielräume noch mehr (zu) nutzen" gelte, und warum eine "Haltung der freilassenden Freundschaft" neue Glaubwürdigkeit verbürge.
Auf Deutsch: Die Realität von 2011 soll das neue Lehramt sein. Alles, was hier und jetzt der Fall ist, welche individuelle oder sexuelle Spezialität auch immer, hat also wohl Anspruch darauf, von der Kirche nachexerziert zu werden. Der Hinweis auf die Überforderung des Naturrechts klingt wie ein Plädoyer für die Relativierung besonders des sechsten Gebotes (Du sollst nicht ehebrechen).
Denn sagen nicht "die Wissenschaften" längst, dass es kein Gut und kein Böse gebe, kein Richtig und kein Falsch, nur die Anpassung und das Eigeninteresse, gerade im zwischenmenschlichen Bereich? Das Kirchenrecht muss sich ebenso vor den Richterstuhl der mitteleuropäischen Spätmoderne zerren lassen wie das "Gewissen", das oft Chiffre ist für den Diktator in der eigenen Brust.
Der Wirklichkeit gehorchen soll die neue deutsche Kirche. Die jeweiligen Tagesbefehle - mehr Klimaschutz bitte, mehr Geschlechtergerechtigkeit, mehr Lebenspartnerschaftsgesetze und so weiter - soll sie demnach ausführen, subito.
Freuen wir uns also auf eine jesuitisch gekappte Kirche nach dem Vorbild der Fünf-Minuten-Terrine. Sie liefert jeden gewünschten Geschmack, schnell und heiß. Sie sättigt nicht, fordert nicht, verlässt das Hier und Jetzt nicht um einen Nanometer. Das Haus im Haus hat kein Fundament.
Ein Kommentar von Alexander Kissler
Stephen Boy schrieb:
am 19. Juli 2011 um 19:43:17
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Weg aus der Krise
Bisher haben die Jesuiten langfristig jede Krise gemeistert.
Sie werden es auch diesmal tun!
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1945 wurde ich gebohren 2 schrieb:
am 19. Juli 2011 um 19:32:18
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Forschte ich nach meinem Vater
Ich fand ihn auch in einer Pfarrei hinter Augsburg.Meine Mutter war gestorben, er lehnte alles ab.Das war
1996.Ich schloss einen Rechtsschutz ab, ging zu einem Anwalt und verklagte Ihn wegen Unterhalt, vorsichtshalber von der Bild ueber Sueddeutsche alles angeschrieben was ein Tagesbericht wert ist.Formoloser Brief von der Diozioese Augsburg.Ich liess einen DNA Test machen.Die Kirche zahlte an mich einen Horrorbetrag, mit Ihren Kirchensteuern.Ich arbeite nie mehr, aber bin gegen Kirche in Schrif
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t64 schrieb:
am 19. Juli 2011 um 19:12:59
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@Blei
Warum sollte man sich einer aussterbenden Art (Christentum) anschließen?
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