15.04.1964: Biggs wird von einem Polizisten nach der Urteilsverkündung in London abgeführt (Foto: dpa)
Am Ende war das Glück immer auf seiner Seite, so in gewisser Hinsicht auch jetzt wieder: Überraschend begnadigte der britische Justizminister Jack Straw den legendären Posträuber Ronnie Biggs - einen Tag vor seinem 80. Geburtstag am Samstag wurde der Schwerkranke für frei erklärt.
Damit kann Biggs auch den Jahrestag eines der spektakulärsten Raubüberfälle in der Geschichte Großbritanniens in Freiheit feiern: Am 8. August 1963, an seinem 34. Geburtstag, überfiel er mit einer 15-köpfigen Bande den Postzug Glasgow-London und erbeutete die Rekordsumme von 2,6 Millionen Pfund - nach heutiger Kaufkraft über 35 Millionen Euro.
Zu 30 Jahren verurteilt
Einen Monat nach dem Raubzug wurde Biggs gefasst und 1964 zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt. Doch schon nach 15 Monaten hinter Gittern gelang dem gewieften Gangster die Flucht. Er kletterte auf die Gefängnismauer, sprang auf einen Lastwagen und fuhr darauf in die Freiheit - ein jahrzehntelanges Katz- und Maus-Spiel mit der Polizei begann.
Gesichtsoperation in Frankreich
Erste Station des flüchtigen Ganoven ist Frankreich. Dort lässt er sich von einem Schönheitschirurgen die Gesichtszüge verändern - und erholt sich anschließend zwei Monate in Spanien von der Operation. Als ihm Scotland Yard erneut auf die Fersen rückt, setzt er sich nach Australien ab, schafft es anschließend nach Südamerika, schlägt sich durch den Dschungel bis nach Argentinien.
Leben als Playboy
1970 entscheidet er sich für Brasilien als neuen Wohnsitz. Dort kann er sich sicher fühlen, denn zwischen dem südamerikanischen Land und London besteht zu dieser Zeit kein Auslieferungsabkommen. Mit durch den Postraub gut gefüllten Taschen beginnt Biggs ein Leben als Playboy in seiner neuen Heimat.
Vor Auslieferung geschützt
1974 kommt die Polizei Biggs in Rio de Janeiro erneut auf die Spur, doch wieder kann sie ihm nichts anhaben: Diesmal schützt ihn der gemeinsame Sohn mit einer Brasilianerin vor der Auslieferung. Der Bankräuber genießt es, die Strafverfolger zum Narren zu halten.
Aufnahmen mit den Sex Pistols
Sein Haus in den Hügeln von Rio wird zur Attraktion für britische Touristen, mit denen er sich - gegen Bezahlung - fotografieren lässt. Er lässt sich für Werbekampagnen anheuern, und Ende der 70er Jahre nimmt er sogar mit der Punkband Sex Pistols das Lied mit dem bezeichnenden Titel "No one is innocent" ("Niemand ist unschuldig") auf.
"Lebende Schlange"
1981 kidnappt eine Söldnertruppe Biggs. Sie will ihn nach Großbritannien verschleppen. Geknebelt und gefesselt wird Biggs in einen Sack mit der Aufschrift "lebende Schlange" gesteckt und per Schiff nach Barbados verfrachtet. Wegen Formfehlern kommen die Inselbehörden dem britischen Auslieferungsgesuch jedoch nicht nach. Sie schicken den Räuber zurück nach Brasilien.
Ende der Flucht im Mai 2001: Biggs kehrt aus Brasilien ins britische Gefängnis zurück (Foto: dpa)
Äußerungen nur noch schriftlich
Erst 20 Jahre später gibt Biggs das Versteckspiel auf. Krank und finanziell ruiniert beschließt er 2001 nach Großbritannien zurückzukehren und sich zu stellen. "Ich bin ein kranker Mann und mein letzter Wunsch ist, in Margate ein Bier zu trinken", erklärte er. Doch der Wunsch nach einem Pubbesuch in dem englischen Badeort wird wohl nicht mehr in Erfüllung gehen. Nach mehreren Gehirnschlägen liegt Biggs todkrank in der Klinik, er kann weder essen oder gehen noch sprechen. Dass er "überglücklich" über seine Begnadigung sei, musste Biggs seinem Sohn schriftlich mitteilen.