Menschen auf der Berliner Mauer im November 1989 (Foto: ddp)
Vor 20 Jahren fiel die BerlinerMauer - ein historisches Ereignis, dass das Ende der DDR und der Teilung Deutschlands besiegelte. t-online.de bat seine Leser, ihre persönliche Geschichte zum 9. November 1989 einzusenden. Von Sabine Pagel erhielten wir folgenden Beitrag:
"Ich war damals 14 Jahre alt und wohnte im Osten Berlins, mit Blick über die Mauer. Mein Kinderzimmerfenster zeigte zum heutigen Nordbahnhof, direkt in den Westen. Es war Donnerstagabend, mein Vater schaute die “Aktuelle Kamera” und ich musste ins Bett, schließlich war ja den nächsten Tag Schule. Aber die Nachrichten durfte ich noch mit ansehen. Die Aufregung darüber verstand ich aber nicht wirklich.
Mitten in der Nacht, es war gegen halb eins, stand mein Vater an meinem Bett und fragte mich, ob ich mit ihm in den Westen gehe. Ich empfand das aber nicht ernst, sondern eher als schlechten Scherz, bis meine Mutter auf dem Flur vollkommen angezogen stand und meinte: “Ohne Sabine geh ich nicht!”
Hielt meine Mama an der Hose fest
Also zog ich mich an. Die Straßen waren voll, überall standen leere Straßenbahnen und alles war voller Menschen, die in Richtung Grenzübergang liefen. Zuerst waren wir am Übergang Chausseestraße (dort holten wir manchmal meine Tanten und Onkels ab, wenn sie zu Besuch kamen). Aber da kamen uns schon viele Menschen entgegen, die sagten, da wäre zu. Also zurück zur Invalidenstraße. Und da war es so voll. Ich hielt meine Mama an der Hose fest, denn ich hatte Angst, sie zu verlieren.
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Erste Fahrt durch West-Berlin
Das Gedränge war kaum auszuhalten und dann waren wir endlich drüben - im Westen. Alles um mich herum weinte, auch meine Eltern. Mein Papa ging anfangs im Gedränge verloren, aber wir fanden uns schnell alle wieder. Überall standen Menschen und irgendwo dazwischen stand ein Mann, der fragte meine Eltern, ob sie Lust auf eine Stadtrundfahrt hätten. Und die machte er dann auch mit uns. Wir nahmen noch eine junge Frau aus Marzahn mit. Und schon ging’s los. Meine erste Fahrt durch West-Berlin.
Erstes Mal im Burger King
Er fuhr mit uns auch zum Ku'damm, wo ich das erste Mal in meinem Leben in einem Burger King war. Dort wurden Aufkleber verteilt vom Radiosender 100,6. Den habe ich heute noch! Auf dem Ku'damm war die Hölle los, aber das kennt man ja aus dem Fernsehen.
Zum Schlafen keine Zeit
Morgens brachte uns der Mann wieder zurück zur Grenze und wir gingen nach Hause. Mama hatte Angst, die Mauer wird wieder zugemacht, daran kann ich mich noch erinnern. Meine Eltern mussten ja arbeiten und ich hatte Schule. Zum Schlafen war keine Zeit mehr. In der Schule war die Aufregung groß, denn es waren auch andere Kinder nachts “drüben“.
Am Abend wieder rüber
Seit Wochen wurde jeden Morgen gezählt, in allen Klassen, wie viele Kinder wieder fehlten. In meiner Klasse fehlte bis dahin niemand, aber in anderen Klassen kam es schon vor. Den Freitag ging ich also noch in die Schule, aber am Abend ging’s wieder rüber zur Familie meiner Mama, wo wir dann auch schliefen. Für die Schule schrieb sie mir später eine Entschuldigung. Zum ersten Mal war ich in den Wohnungen meiner Tanten und alle waren da, wirklich alle. Es war so toll.
Konnten uns nie richtig bedanken
Leider haben wir den Mann nie mehr wieder gesehen, wir konnten uns nie richtig bedanken, aber ich muss noch oft daran denken. Inzwischen ist das fast 20 Jahre her und auch ich lebe nicht mehr in Berlin, aber die Kindheit dort war nicht schlecht. Die Wende kam für mich zum richtigen Zeitpunkt und auch mein Leben hat sich dadurch sehr verändert. Wer weiß, was aus mir im Osten geworden wäre?