25.11.2007, 08:54 Uhr
Von Christian Kreutzer
"Azubi" bei DynCorp: Polizeirekrut in der Provinz Helmand (Foto: Reuters)Was der Deutsche Rudolf Blechschmidt bei seiner Freilassung im Oktober mitzuteilen hatte, war selbst für afghanische Verhältnisse ein Skandal: Es seien Schutzpolizisten gewesen, die ihn 85 Tage zuvor mit brüderlichem Handschlag seinen Kidnappern übergeben hätten - Beamte, die möglicherweise von Blechschmidts deutschen Landsleuten für ihren Job ausgebildet wurden. Eine von vielen Niederlagen für alle, die versuchen, in dem Bürgerkriegsland eine funktionierende Polizei auf die Beine zu stellen - vor allem aber für Deutschland das 2002 als Führungsnation die Verantwortung für den Polizeiaufbau übernommen hatte.
Starkes Exportprodukt
Die Wahl schien gut getroffen: Lange galt die Ausbildung von Polizisten als eines der stärksten Exportprodukte deutscher Außenpolitik. Jetzt müssen sich die Deutschen vorwerfen lassen, sie hätten mehrere Jahre verschlafen. Statt in die Breite auszubilden und Kräfte bereitzustellen, die das Hinterland Südafghanistans gegen Taliban-Rebellen schützen, hatten die Deutschen sich auf die langwierige Ausbildung von Führungskräften kapriziert.
VideoDiplom für den Krieg
"Ein unverschämt kleiner Beitrag"
Vor allem wird der Bundesregierung die geringe Zahl der entsandten Ausbilder vorgehalten: 40 deutsche Polizisten mit einem Etat von 12 Millionen Euro pro Jahr sollten die Aufgabe schultern, ein Land, doppelt so groß wie Deutschland mit Polizisten zu versehen. Seit Juni greifen die EU-Partner der Führungsnation unter die Arme. 195 EUPOL-Ausbilder sind jetzt geplant, 60 Deutsche inklusive. Immer noch viel zu wenige, lästern Kritiker. "Ein unverschämt kleiner Beitrag" - tobte der Sprecher des Bundeswehrverbandes, Bernhard Gertz.
Innenminister "sabotieren" Polizeimission
Der sicherheitspolitische Sprecher der Grünen, Winfried Nachtwei, spricht angesichts der Weigerung der Bundes- und Länderinnenminister, mehr Beamte zur Verfügung zu stellen gar von "struktureller Sabotage". Jetzt müssten die Deutschen - trotz ihres an sich besseren Ansatzes, nämlich gute Polizisten gründlich auszubilden - erleben, wie ihnen die USA, das Heft aus der Hand nehmen.
Polizist nach zehn Tagen Training
Mindestens 2000 Ausbilder fordert Pentagon, um bis Ende kommenden Jahres 82.000 Polizisten auszubilden - und handelt selbst entsprechend: 500 Angestellte der Firma DynCorp, unterstützt von 200 Soldaten sind im Land. Über zwei Milliarden Dollar wollen die USA bis Ende 2008 investieren. In Lehrgängen von vier bis zehn Wochen Dauer haben sie nach eigenen Angaben bis jetzt rund 40.000 Straßenpolizisten bereit gestellt. Dazu kommt eine unbekannte Zahl paramilitärischer Hilfspolizisten, die ihr Gehalt bereits nach zehn Tagen Schieß- und Fitnesstraining erhalten.
Ungefähre Vorstellung von Bürgerrechten
Beeindruckende Zahlen im Vergleich zu rund 5000 Absolventen der von Deutschland geleiteten Kabuler Polizeiakademie. Die haben allerdings bis zu drei Jahre die Schulbank gedrückt, können lesen und schreiben und haben immerhin eine Vorstellung von Bürgerrechten in einer Demokratie.
Es geht vor allem um schnellen Profit
Doch auch die USA stehen in der Kritik: Offenbar machen viele Trainer von DynCorp keinen besonders guten Job. Viele der Ausbilder so Seth Jones, Afghanistan-Experte der RAND Corporation, seien in Sachen Landeskenntnis und Ausbilder-Befähigung völlig ungeeignet. Zudem würden die Afghanen nach der viel zu kurzen Ausbildung einfach allein gelassen. Es sei offensichtlich, dass es DynCorp vor allem um schnellen Profit gehe. Deutsche Politiker befürchten, dass Polizisten nach dieser Art Training das Gefühl abgehe, Freund und Helfer ihrer Landsleute zu sein. Die Schießtruppe sei ohnehin in erster Linie "Kanonenfutter" für die Schlacht gegen Taliban, kritisiert Nachtwei.
Absolventen deutscher Kurse bei Warlords begehrt
Ein gemeinsames Problem: Viele Afghanen gehen bald von der Fahne, egal, von wem sie ausgebildet wurden. Weder Europäer noch Amerikaner könnten auch nur annähernd sagen, wie viele ihren Dienst anträten, sagt Ronja Kempin, Spezialistin für den Polizei-Aufbau an der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. Taliban und Warlords, kauften Absolventen einfach weg. Ironischerweise sollen Absolventen deutscher Kurse wegen ihrer gründlichen Ausbildung besonders begehrt sein.
Taliban und Drogenhändler zahlen mehr
Ein Grund: 70 bis 80 Dollar Monatsgehalt reichen kaum aus, um eine Familie zu ernähren und das tödliche Risiko auf sich zu nehmen, dem Polizisten ausgesetzt sind. Viel mehr als kasernierte Soldaten sind sie Anschlägen ausgesetzt, seit die Taliban sie als strategisches Hauptziel ausgewählt haben. Zudem zweigten Vorgesetzte oft einen Teil ihres Gehalts für sich ab, berichtet Ursula Koch-Laugwitz vom Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kabul. So besorgen sich die meisten ihren Lebensunterhalt durch selbst erhobene Steuern an Checkpoints oder wechseln gleich die Seiten: Die Taliban zahlen 200 Dollar pro Monat, Drogenbosse sogar noch mehr.
Schleicht sich Berlin aus der Verantwortung?
Dass die deutschen Innenminister, die sich seit Jahren mit Plänen zur Reduzierung von Polizeistellen herumschlagen, künftig mehr Polizisten nach Afghanistan schicken, glaubt in Berlin offenbar kaum noch jemand. Mehreren Quellen zufolge hat die Bundesregierung bei ihren EU-Partnern den Antrag gestellt, eine Gendarmerie aufzubauen - eine paramilitärische Truppe, geeignet für einfache Polizeiaufgaben und gleichzeitig stark genug, um den Taliban die Stirn zu bieten. Die könnten dann womöglich sogar den europäischen und den amerikanischen Ausbildungsansatz zusammenführen. Deutschland hat indes keine Gendarmerie. Am Zug wären Länder wie Frankreich, Italien, Spanien, Portugal oder die Niederlande, die über entsprechende Einheiten verfügen - vorausgesetzt deren Regierungen spielen mit. Die Antwort steht noch aus.
Quelle: t-online.de
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