11.03.2010, 15:41 Uhr | apn, dpa, AFP, cra
Winnenden trauert um die Opfer des Amoklaufes am 11. März 2009 (Foto: ddp)
Ein Jahr nach dem Amoklauf von Winnenden geht die Diskussion um politische Konsequenzen weiter. Die Kontroverse geht insbesondere um eine Verschärfung des Waffenrechts. Außerdem wird ein fehlendes Frühwarnsystem bemängelt.
Am Jahrestag des Amoklaufs hat sich Bundespräsident Horst Köhler für eine weitere Verschärfung des Waffenrechts ausgesprochen. Während einer bewegenden Gedenkfeier für die 15 Todesopfer vor der Albertville-Realschule in der baden-württembergischen Kreisstadt forderte Köhler zugleich die Medien zu einer zurückhaltenderen Berichterstattung über Amokläufe auf, um Nachahmertaten zu verhindern.
Der ehemalige Albertville-Schüler Tim K. hatte am 11. März 2009 mit der Pistole seines Vaters in dem Schulgebäude neun Schüler und drei Lehrer erschossen. Auf der Flucht tötete der 17-Jährige weitere drei Menschen und sich selbst. Der Amoklauf löste weit über Deutschland hinaus Entsetzen aus. Köhler sagte in Winnenden, es müsse nun "wirklich alles Menschenmögliche" getan werden, um die Gefahr weiterer Gewalttaten so gering wie möglich zu halten und nannte beispielhaft das Waffenrecht, die Medienberichterstattung und Gewaltspiele.
Beim Waffenrecht könne "noch mehr als bisher" geschehen, "damit gefährdete Menschen nicht an Schusswaffen gelangen". Bund und Länder sollten das Waffenrecht weiter voranbringen und Schützenvereine ihnen dabei helfen, forderte Köhler. Der Bundespräsident warnte zudem davor, dass eine intensive Medienberichterstattung über Täter Nachahmer auf den Plan rufen könne. Es müsse deshalb gemeinsam mit den Medien ein übergreifender "Pressekodex im Geist der Prävention" erarbeitet werden.
Die Eltern, die sich zum "Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden" zusammengeschlossen haben, fordern ein Verbot von Faustfeuerwaffen in privaten Haushalten und eines von großkalibrigen Waffen für Sportschützen. Eine schwächere Waffe hätte nicht zu so vielen Toten geführt, so die Überzeugung der Eltern. Doch diese Forderung wurde bei der nach Winnenden vom Bundestag beschlossenen Verschärfung des Waffenrechts im vergangenen Juni nicht umgesetzt.
CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach betonte, dass das Waffenrecht in den vergangenen zehn Jahren drei Mal erheblich verschärft worden sei. Das Schießen mit Großkaliberwaffen sei inzwischen nur noch Volljährigen erlaubt. Man könne diese gefährlichen Waffen aber nicht generell aus der Hand von Privaten verbannen, da sie etwa bei der Jagd teilweise vorgeschrieben seien, so Bosbach.
Die Schulen seien sicherer geworden, erklärte Bosbach weiter, es seien auch neue Alarmpläne ausgearbeitet worden. "Aber wir werden unsere Schulen nicht ganz abschotten und so sicher machen können, dass schulfremde Dritte niemals Zutritt bekommen werden in eine Schule. Ich glaube, das möchten unsere Schulen selber auch nicht.
Nach Ansicht von Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) können auch stärkere Kontrollen von Waffenbesitzern allein Amokläufe nicht verhindern. Eine hundertprozentige Kontrolle von jedermann rund um die Uhr könne es nicht geben, sagte Herrmann im Bayerischen Rundfunk. Wer meine, einen Amoklauf allein durch Waffenkontrollen verhindern zu können, sei auf dem Holzweg. Auch Menschen, die überhaupt keinen Zugang zu Schusswaffen hätten, hätten schon Amokläufe begangen. Er wandte sich zudem dagegen, alle Sportschützen und Jäger unter einen Generalverdacht zu stellen.
Der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamten (BDK), Klaus Jansen, warf der Politik dagegen in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" vor, sie habe "vor der Waffenlobby kapituliert". Noch immer seien schwere Waffen im Privathandel legal, noch immer dürften Waffe und Munition in derselben Wohnung aufbewahrt werden. "Das Hobby des Schießsports hat in Deutschland nach wie vor Vorrang vor Menschenleben", sagte Jansen. Zudem hätten Stichproben in Baden-Württemberg ergeben, dass mehr als die Hälfte der Waffenbesitzer ihre Pistolen und Munition nicht wie vorgeschrieben unter Verschluss hielten.
Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) kritisierte, dass politische Versprechen nicht erfüllt worden seien. "Deutschlands Schulen sind leider nach wie vor keine sicheren Orte. Wir brauchen endlich ein flächendeckendes Frühwarnsystem", sagte DPolG-Vorsitzender Rainer Wendt der "Neuen Osnabrücker Zeitung". In jede Schule gehörten mindestens ein Sozialarbeiter und ein Psychologe, die Probleme der Schüler frühzeitig erkennen könnten.
Wendt sagte: "Trotz aller politischen Versprechen nach den Amokläufen von Erfurt, Emsdetten und Winnenden haben wir hier weiterhin große Defizite." Die Landesregierungen müssten endlich ihre Hausaufgaben machen und massiv in die Schulsicherheit investieren, anstatt nach jedem Amoklauf mit Rufen nach schärferen Gesetzen von ihren Versäumnissen abzulenken, forderte der Gewerkschaftschef.
Baden-Württemberg hat unterdessen ein Gewaltpräventionsprogramm ausgearbeitet, das Amokläufe künftig unwahrscheinlicher machen soll. Der Sonderausschuss des Landtags empfahl in seinem Abschlussbericht ein Maßnahmenpaket, über das das Regionalparlament am Jahrestag des Amoklaufs entscheiden muss. Unter anderem sollen an den Südwest-Schulen künftig doppelt so viele Schulpsychologen arbeiten wie bisher. 250 zusätzliche Stellen sollen für Beratungslehrer und Gewaltpräventionsberater entstehen. Die Umsetzung der Vorschläge würde das Land 30 Millionen Euro kosten - der größte Teil davon wäre jährlich zu zahlen.
Der fast 900 Seiten starke Bericht des im April 2009 eingesetzten Ausschusses greift rund 70 Vorschläge des Expertengremiums der Landesregierung auf. Er ergänzt sie um 39 weitere Vorschläge sowie acht Handlungsfelder, darunter Stärkung der Medienpädagogik, Sicherheit an Schulen und Gewaltvorbeugung im Jugendsport. Es sei klar geworden, dass ein Amoklauf nie eine Kurzschlusshandlung sei, sagte Palm. Am Anfang stehe demnach, dass junge Menschen sich viel schneller als andere gekränkt fühlten. Die empfundenen Verletzungen führten dazu, dass ein potenzieller Täter sich mit anderen Amokläufen befasse und dann einen erweiterten Selbstmord plane.
Unterdessen nehmen die Umbaupläne der Albertville-Realschule in Winnenden Gestalt an. Klassenzimmer sollen demnach mit Lautsprechern und einem Auslöser für ein Amok-Signal ausgestattet werden. Zudem würden sämtliche Türen mit einer programmierbaren elektronischen Schließung versehen, teilte die Stadt mit. Klassenzimmertüren könnten mit einem Drehknopf von innen verschlossen werden.
Die Schule bekommt den Angaben zufolge überdies einen Erweiterungsbau, der über ein neues Foyer mit dem Altbau verbunden wird. Mit dem neuen Zugang werde dem Wunsch von Schülern und Lehrern nach einer deutlichen Änderung des äußeren Erscheinungsbildes der Realschule entsprochen. Ein Klassenzimmer soll zum Gedenkraum werden. Sicher sei, dass keiner der drei Taträume später wieder Klassenzimmer oder Fachraum wird", so Rektorin Astrid Hahn. Wie es den Jugendlichen nach der Rückkehr im September 2011 beim Anblick der Räume gehen werde, wisse noch niemand. Es dürfe keinen Zwang geben, die Zimmer zu betreten. In dem Gedenkraum könnten Kondolenzbücher, Briefe und Kerzen aufbewahrt werden.
Quelle: dapd
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